Rincewinds Seas MS-Micro
Beitrag von
Nahfeld-Monitore oder Seas Micro
Als beruflicher Mausschubser verbringe ich viel Zeit vor den Bildschirm. In den letzten beiden Jahren hat der aktuelle Trend der Telearbeit auch in meinem Umfeld Einzug gehalten. Somit kann ich zu Hause arbeiten und Musik hören. Dies wäre eine wunderbare Kombination gewesen, wenn:
a) Die knapp 20 Jahre alten PC Lautsprecherböxchen so etwas wie Klang produziert hätten
b) Das Mobiltelefon öfter längere Zeit mich nicht mit Anrufen belästigen würde
Problem a) wurde mit einer kurzfristigen Maßnahme in der Auswirkung stark beschränkt. Diese bestand aus einem schnellen Kauf gebrauchter Ware in der Bucht. Ein kleiner Receiver aus einer JVC Mini-Anlage aus den 90ern brachte die Signale vom PC zum „Just Be Loud“ – Würfeln (diese haben wohl ihrem Dienst längeren Dienst in nicht rauchfreier Umgebung getan).
Problem b) ist zumindest samstags und sonntags nicht präsent.
Für a) wurde samstags nach einer dauerhaften Lösung im (in manchen Fällen) kompetenten Fachhandel gesucht. Leider war das monetäre Projektbudget zu klein, um die Qualitäts-Vorgaben mit Fertigprodukten zu erfüllen. Dafür war der Termindruck nicht besonders groß.
Wo externe Lösungen zu teuer sind, muss dann wohl die eigene Produktion ran. Die üblichen Argumente: „Dafür wurde ich nicht ausgebildet“, „Wir haben dafür keine Tools“ wurden schnell beseitigt. Die theoretischen Grundlagen wurden durch Druckbetankung aus einem Buch für Pragmatiker ins Hirn gepumpt. Das Finanz-Controlling musste noch für die anstehenden Investitionen überzeugt werden. Ein paar Fotos der Fertigprodukte mit den ganz kleinen Preisschildern und großen Zahlen waren sehr überzeugend. Das Budget für einen Bausatz wurde genehmigt. (Natürlich wurden die Anträge für die benötigten Tools erst nach dem Kauf des Bausatzes eingereicht).
Die Suche nach einem passenden Bausatz gestaltete sich recht einfach. Die Tatsache, dass die Breite einer Box nicht 16 cm überschreiten kann, engte die Anzahl der zum Budget passenden Kandidaten stark ein. Ein Vor-Ort-Termin in Begleitung eines Junior-Musik-Fans brachte die Erkenntnis, dass klanglichen Vorgaben möglicherweise erfüllt werden könnten. Der gewünschte Bausatz war nicht vorhanden, daher musste ich genug Vertrauen in die Versprechen eines Technikers mit 30-jähriger Erfahrung entwickeln. Diese Entwicklung wurde enorm motiviert durch den sehr kompetenten und dazu noch kostenfreien Consulting-Dienst.
Der Micro-Bausatz sollte es werden. Nur das Gehäuse entsprach nicht in allen Dimensionen den Wünschen. Die normalisierende Kraft des Faktischen erzwang eine leichte Streckung und der häufig anzutreffende Papierberg die Verschiebung der Bassreflexöffnung nach oben. Dabei wurde der Schlitz in eine kreisrunde Öffnung umgerechnet. Eine einfache Rechenaufgabe, wenn die Tuning-Frequenz aus dem vorhandenen Plan zurückgerechnet wird.
Entsprechender Plan wurde schnell in SketchUp gezeichnet. (Plan in der SketchUp Software-Version 6)
Die ersten Schritte der Produktion erwiesen sich als leicht beherrschbar. Der externe Holzwurm an der Säge lieferte das 16mm MDF Rohmaterial in ausgezeichneter Qualität. Das Kleben der Brettchen erwies sich als sehr einfach. Dumm ist nur der Projektleiter, wenn er unwichtige Details wie die Dicke der Klebeflächen in der Planung unberücksichtigt lässt. Das erzeugt ungeplante Zusatzaufwände für Schleifarbeiten.
Das Furnier wurde gemäß den Vorgaben für die Leim-Methode mit dem Bügeleisen aufgebracht. Nach den Erfahrungen aus dem ersten Arbeitsgang wurde zur Risikominimierung erst ein Probestück gefertigt. Lessons learned: Das Furnier sieht besser aus, wenn beim Bügeln ein Stück beschichtetes Backpapier benutzt wird.

Der nächste Arbeitsschritt stellte für einen Mausschubser eine kleine Herausforderung dar. Der Umgang mit der Oberfräse musste erlernt werden. Dafür musste etwas Holzabfall aus dem örtlichen Baumarkt dran glauben. Der zeitliche Aufwand für den Bau eines eigenen Fräszirkels sollte gründlich abgewogen werden gegen die minimale Investition in ein Fertigprodukt. Zumal eine Bohrung für eine Schraube sich schlecht nachträglich um 0,7 mm bewegen lässt.

Die nachfolgenden Arbeitsschritte:
- Oberfläche mit Holzöl behandeln
- ein paar Bauteile zusammen löten
- Chassis einsetzen und verkabeln (zwischendurch etwas Dämmmaterial stopfen)
waren nach der Arbeit mit der Oberfräse wie ein Urlaub. Das Projekt wurde mit dem letzten Arbeitsschritt, dem Anschließen an den alten Receiver, in den Betrieb übergeben.
Fazit:
Der Klang auch in suboptimaler Hörposition ist grandios. Die kleine, wahrgenommene Bühne ist nichts im Vergleich zu den Details die jetzt hörbar werden: Die Position des Darabuka-Spieleres in Dead Can Dance „Yulunga“. Auch der Bass straft die Größe der Chassis Lüge: In „Azora“ von Yamato - die Zweimeter-Trommel ist zu spüren. Die feinen Klänge der Besen auf dem Becken in Dorota Miskiewiczc „Nucę, Gwiźdże sobie“ sind jetzt auf einmal da! (Bisher nur im Kopfhörer erhört).
Der Verstärker macht Schaltgeräusche (waren vorher nicht zu hören - verdammt genau der Bausatz), wenn die interne Schaltung die Drehung am Regler in 2dB Schritten in Lautstärke umwandelt. Außerdem geht dem kleinen Amp die Puste beim Bass sofort aus, wenn ein wenig mehr als Zimmer-Lautstärke gefordert ist. Neuer Verstärker muss her. Die harte Vorgabe der Realität ist: Maximale Höhe darf 9cm und die Breite darf 30cm nicht überschreiten. Das wird nicht einfach.
Der Schreibtisch ist zu klein. Möbel wechseln für besseres Hören? Ich glaube ROTEL Verstärker waren recht niedrig. Das wird vielleicht gehen. Mal das Controlling vorsichtig fragen…
Vielen Dank für die Entwicklung des Bausatzes! Der Aufwand hat sich gelohnt.
Solltet Ihr eine physikalische Herausforderung suchen: Bausatz für Nahfeld-Monitore mit Schallwandbreite unter 16cm, Tiefe < 25 cm und Kosten pro Kanal unter 200 Euro.
Grüße
Rincewind
Die MS-Micro kann bei Intertechnik oder Adw bestellt werden





