Axels Simply Exotic
Beitrag von Axel zu Lautsprecher Simply Exotic
Seinen Hang zur Exotic kann man auf unterschiedliche Weise ausleben, meiner geht hier speziell an ein Paar Chassis aus dem Hause Seas. Genauer: Seas X1 Exotic F8. Seas entwickelte diesen Breitbänder, und darum geht es hier eigentlich, im Retro Look. Der Antrieb erfolgt über einen gewichtigen ALNICO Magneten. Dieser bringt letztendlich eine Papiermembran mit eingearbeiteten Papyrusfasern in Schwung. Dazu kommt ein solider Gusskorb und eine ordentliche Gummisicke. Und was macht man wohl nur, wenn man zwei davon hat? Klar ein paar Boxen, sorry zu profan, ein Paar Lautsprecher. Udo leitete daraus gleich den Namen ab „Simply Exotic“ nannte er sein Kind. Am Ende kommt eine TQWT mit besagten Chassis in der 4 Ohm Variante heraus. Fertig - viel Spaß beim Nachbau.
Okay, ein paar Eindrücke und Hintergründe gibt es für euch auch noch.
Erster Akt: Erste Schritte
Was wollte ich eigentlich haben, bevor ich Udos Laden betreten habe? Klar, Breitbänder und zwar gute. Die Diskussion pro/contra konnte ich mir sparen und ist auch nicht relevant für Freunde dieser Chassis. Gehört habe ich schon einige, aber entweder schreckten mich der Preis (bei Fertigherstellern) oder die Qualität. Natürlich ist das mein rein subjektives Empfinden. Also bin ich mal eben bei Udo in den Laden eingekehrt um mir ein Bild von den Treibern incl. des Gehäuses zu machen. Dann ging die Sache auch zügig und die Dinger wurden bestellt.
Zweiter Akt: Blanke TheorieDa ich handwerklich nichts von der Holzverarbeitung verstehe, geschweige denn auch Werkzeug dafür habe, musste ein Bekannter an die Gehäusegestaltung. Die Wahl fiel auf Ewald. Er baut selbst Lautsprecher bzw. auf Anfrage Leergehäuse nach Kundenwunsch. Ich glaube ja, dass Ewald mir nur geholfen hat, weil er selbst auf die Chassis scharf war, aber egal.
Das Gehäuse weicht bei uns etwas vom originalen Bausatz ab. Breite 26,8 cm also 3 cm schlanker in der Front, Höhe 119,6 cm bis auf 4 mm identisch und durch die Neuberechnung des Hornverlaufes eine Tiefe von 37,5 cm, im Original 34 cm und die Öffnung ist auf 2,6 mm vergrößert worden. Ewalds Berechnungen nach, geht der Bass jetzt auch noch etwas tiefer runter. Verwendet wurde Birkenmultiplex 18 mm und für die Schall- und Rückwand 21 mm.
Für die Innenverkabelung nahm ich Solid Core Kabel aus der Studio-Sparte. Die Anschlussklemmen sind aus Massiven Kupfer ohne Gold-, Silber- oder Rhodiumüberguss. Das Korrekturnetzwerk (Frequenzweiche) steht zur Zeit noch außerhalb der Lautsprecher, um evtl. noch angepasst zu werden. Jetzt also alles aufgebaut und zusammengeschraubt und langsam die Dinger einspielen.
Dritter Akt: Vor dem PlattenregalSo, wer will zuerst, bitte nicht drängeln, jeder kommt dran. Da wir uns ja in der Blues-Klasse befinden, starten wir also mit Blues. Beginnen darf, wer den Blues schon im Namen trägt - Blues Company mit Balladen und ausgewählten Liebesliedern. „Cold Rain, Cold Rain, rollin down my eyes“, Toscho steht leicht rechts im Raum, die Gitarren- Saiten kurz angerissen führen zu blitzartigen Explosionen und fordern Impulsfähigkeit. Dahinter baut sich das Schlagzeug auf und gibt den Rhythmus vor, jeder Tritt auf die Bassdrums schön zu hören. Die Musik fließt immer wieder, unterbrochen durch kurze Breaks und untermalt vom tiefen Bass einer Hammond B3. Das erste Stück mit Bravur gemeistert, nichts stört, nichts zu viel oder zu wenig, vielleicht ein leichtes Dröhnen im Bass, was mit etwas geänderter Dämmung schnell erledigt war. Bei Red Blood bestätigte sich der erste Eindruck. Der Titel ist vom Aufbau etwas komplexer, mehr Percussions, die das Klangbild etwas mehr staffeln. Es ist alles gut.
Nun mal etwas mehr Schmalz. Willie Nelson mit dem Album „Healing Hands of Time“. Derselbe Titel ausgewählt und zarter Orchestereinsatz, erste Gitarrenklänge und dann die Stimme. Der Song eignet sich als Wohlfühl- oder Stimmungsbarometer, quasi als Einstimmung für den Titel „Night Life“. Mit Willie fühle ich den Feinheiten ein wenig auf den Zahn. Alles gemächlich und in Ruhe, feinsinnig aber nicht platt. Das schafft die Exotin sehr ordentlich, herrlich kann man in die Musik abtauchen, sofern einem das Genre liegt, oder die Stimmung dazu passt. Ähnlich ist es bei den Stockfisch Alben. „Direct Metal Master Cut Vinyl Series“, so ein langer Titel sollte schon für Qualität stehen. Chris Jones „No Sancturary Here“ zeigt mit einer super Auflösung, was möglich ist. Losgelöst von Lautsprechern steht er zwischen den Lautsprechern und man kann förmlich sehen, wie die Stahlseiten angerissen werden. Auch so bei Sarah K. „Stars“. Das Klanggeschehen baut sich so frei im Raum auf und alle Details, vom Zwitschern der Grillen bis zum Spiel der Finger auf der Gitarre, alles ist klar umrissen und auf der breiten Bühne hübsch eingewebt.
Für Klassik muss man Muße haben. Mein Versuch beginnt mit Stravinsky und seinem „Feuervogel“. Passend? Ich bin nicht sicher. Sanfter Einstieg, doch schon beim „Dance infernale du roi Kastchei“ treiben einem die Bassattacken ein Lächeln ins Gesicht. Ja, Dynamik ist etwas wunderbares! Später, wenn das Finale erreicht ist, wird alles schön komplex. Die Triangel kündigt die große Pauke an, die sich mit einen mächtigen Bums auf den Hörer entlädt. Die Aufnahme vom Royal Concertgebouw Orchestra unter Mariss Jansons liefert hier die Silberscheibe. Auch eine schöne Aufnahme ist Rachmaninoff Symphonic Dance von Eiji Oue mit dem Minnesota Orchestra als LP. Diese glänzt durch ihre Dynamik und „Feinzeichnung“, denn auch hier spielt die Exotin auf hohem Niveau. Struktur, Plastizität, Feinzeichnung, Ortung, Bühnenaufbau alles Tutti, Impluse kommen kurz und trocken. Fairerweise muss man sagen, dass nicht große Orchesterwerke DIE Stärke der Exotin sind, sie macht dabei aber auch nichts falsch. Ganz im Gegenteil, nur wer drauf steht, findet bei einen großen Mehrwegler mehr „Wums“ unten herum und mehr „Ping“ oben herum. Trotzdem: Gib ihr Raum und 20-30 Watt Röhrenpower und Wagner zieht dich mit seiner Kraft in den Bann.
Also kurz noch Oper? Ja, aber dann rasch – Maria in „Madame Butterfly“ von Puccini. „Cononore Murore“ ,spätestens hier erklärt sich der Mythos um die Callas. Keine andere Sopranistin lebt die Rollen so wie sie, eine Uraltaufnahme von 1955 aber nirgends wird schöner gestorben. Und was macht die Exotin damit? Emotionspegel - hoch, Gänsehautfaktor - da, Pippi in den Augen Gefühl – vorhanden.Cut - Szenentausch und Kostümwechsel. Wir befinden uns bei Jazz at the Philharmonic in der Carnigie Hall N.Y. 1952, auf der Bühne Gene Krupa und Buddy Rich. „The orig Brum Battle“, die LP von Verve aus den 70igern, Lautstärke rauf und ab. Wahnsinn wie viel Swing und Drive diese Scheibe bietet, wenn man bedenkt, dass die Aufnahme 60 Jahre alt ist und meine LP etwa 40. Die Szenerie der Aufnahme wird förmlich spürbar und man ist mitten drin und nicht nur dabei. Das Publikum puscht Gene und Gene das Publikum – herrlich. Das macht Lust auf eine andere Live- Aufnahme: „Jazz at the Pawnshop“, mein Liebling. Denn hier spürt man noch intensiver die Live- Atmosphäre und dazu in guter Klangqualität.
Die Lautsprecher bringen den Flair des Jazz Club in Stockholm wunderbar rüber. Egal ob der Klang des Vibraphons etwas in den Vordergrund und die zarteren Anschläge auf das Hi-Hat mehr in den Hintergrund gerückt werden. Nicht das Fell spielen, sondern nur das Trommelchassis mit den Trommelstock leicht anschlagen, nichts geht verloren oder wird verschluckt. Apropos verschluckt, das Hantieren der Gläser - alles zuhören und nun die Quizfrage: Bei welchem Lied gehen dem Barmann wie viele Gläser kaputt? Antworten bitte direkt an den Barmann.
Spaß beiseite, Breitbänder sind meines Erachtens dafür geschaffen, der Verzicht auf den letzten „Ping“ ganz oben, aber auch auf den tiefsten „Bums“ ganz unten - hier braucht man es nicht. Sie zeichnen den Raum, die Bühne exakt nach und treten als Schallentstehungspunkt in den Hintergrund. Die Höhen sind glasklar, Vibrationen des Vibraphons schwingen herrlich aus, die Anschläge auf der Snaredrum fein gezeichnet, das Saxophon nie überspitzt oder überzogen. Klar so könnte es weitergehen, z.B. mit Benn Godman „Happy Session“ Wax Time Records, Big Band Spirt pur, „Otello live at Schloss Elmau“ von Dieter Ilg, ACT, Oscar Peterson, Rammstein Seemann -live LP, oder, oder, oder.
Der Exotic-Breitbänder ist für mich einer der audiophilsten mit absoluter Langzeit-Hörtauglichkeit. Nicht zu vergleichen mit „Hau-drauf-Hörnern“ um die 96 DB Wirkungsgrad, die zwar über eine wahnwitzige Dynamik verfügen, aber auch oftmals in den Höhen überzeichnet wirken. Egal ob Stimmen, kleiner Jazzclub oder große Bühne, er macht einfach Spaß und darauf kommt es an. Eindeutig kommt auch die Qualität der Aufnahme zum Tragen, Shit in – shit out, man wird also nicht drumrum kommen, sein Musikarchiv noch einmal neu durchhören zu müssen. Alles ist im Fluss, hier fließt die Musik. Das war es jetzt. Draußen sind es 26° C und im Zimmer (dank Röhre) 28° C. Alles ausschalten und Essen fassen. Doch halt nein, der Lautsprecher redet mit mir – was, noch ein Lied? Was, The Doors ? Welches denn? „The End“ – gute Wahl, die Exotin hat Geschmack, los geht’s.
Gnadenlos geil - Mystik pur.
Das Ensemble:
CD Player: Opera Droplet, Verstärker: Octave, PhonoPre: WBE, Plattenspieler: Amazon, Opera Arm, Dynavector Nadel, Verkabelung: kompl. VoVox, Netzleiste: Isotek. Rack: Finite Element, AntiSpike für die Exotin. Vergleichslautsprecher: Etalon Essence, ein etwa gleichgroßer Zweiwege-Lautsprecher aus Ungarn, ca. 90 DB.
Danke an Udo und Ewald.
Grüße an das verschobene Chi meiner Frau.
Axel
Die Simply Exotic kannst du bei Acoustic Design Wohlgemuth oder Intertechnik erwerben.




