Gehäusebau
Beitrag von Udo Wohlgemuth
Lautsprecher-Selbstbau ist eine große Leidenschaft. Man kann mit einfachen Holzwerkstoffen eigene Ideen verwirklichen, klanglich Horizonte hinter sich lassen und sogar Geld sparen. Komplett ausgestattete Werkstatt und Messsytem gehören zum nötigen Equipment, eine Prise Erfahrung ist hilfreich, aber die kommt nach ein paar Jahren von ganz allein. Ganz Deutschland eine Bastelwiese, auf der ständig neue, individuelle Lösungen entstehen, jeder Mann, mittlerweile auch zunehmend Frau zum Augen- und Ohrenverwöhner wird. So stellt sich der Diy-Markt schon lange die rosige Zukunft vor, viele Gedanken kreisen darum, wie man es den viel zu vielen bisher Unbeleckten vermitteln kann, dass er schon mit ein wenig Eigeninitiative in den Klanghimmel aufsteigen kann, zu dem ihm die Fertighersteller mittels viel zu hohen Eintrittspreises den Zugang verweigern. Naja, es ist schon etwas Richtiges daran, aber nicht jeder Mensch ist ein geborener Handwerker, hat die Zeit, es dennoch zu lernen oder sogar Angst, es niemals so hinzubekommen, wie es im hellen Strahlerlicht der Hifi-Messen und Edelkonsum-Läden steht.
Mit unserem Magazin haben wir in den vergangenen sechs Jahren eine große Anzahl an Menschen für den Selbstbau begeistern können. Wir haben dennoch weiterhin mehr Leser, die nicht die nötige Ausrüstung und Umgebung haben, um Kisten zu basteln, sich vielleicht gar nur einmal den Musikgenuss ins Haus holen wollen. Uns deshalb als einsamer Rufer der Diy-Zunft mitten in die Wüste zu stellen, ist nicht unser Ding. Wen erreicht man schon, wenn rundum nur Sandkörner versammelt sind? Da halten wir uns lieber an Albert Einstein: "Man muß die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher." Wir haben genau aus diesem Grund eine CNC-Fräse angeschafft. Sie soll den einfachen Weg ebnen, kinderleicht zu verklebende Zuschnitte für unsere Bauvorschläge zu kreieren. Zu einfach wär die Lieferung fertiger Lautsprecher und die Kritik, wo denn da noch der Selbstbau bleibt, würde uns berechtigt um die Ohren geschlagen. Und so kommt am Ende zusammen, was schon immer zusammen gehört: Die Boxen und der Musikliebhaber.
Es passte gut, dass uns gerade die SB 36 im Laden fehlte, aus der leicht auch der Klang der ebenfalls nicht mehr vorhandenen SB 18 und 417 erklärt werden kann Am ihrem Beispiel haben wir den Zusammenbau unserer auf Anschlag-Gehrung geschnittenen Holzbretter mit aufgesetzter Front und Rückwand als Foto-Roman selbst für den berühmten Doppel-Linkshänder verständlich dokumentiert. In den folgenden Vorstellungen neuer Bausätze werden wir damit fortfahren. Dann ist niemand mehr darauf angewiesen, das Badezimmer von Matthias (DA) für seine staubhaltigen Bastelarbeiten anzumieten. Nicht einmal unsere pingelige Fotoabteilung hat uns aus ihrem penibel staubfrei gehaltenen Labor verjagt.
Nicht mehr als sechs Bretter sind nötig, um eine SB 36 zu bauen. Front und Rückwand haben wir aus schwarz durchgefärbtem MDF ausgefräst, selbst das Terminal wurde versenkt. Schön ist die nicht patentierte, aber sehr patente Anschlag-Gehrung ins rechten Bild gerückt. Noch ein wenig deutlicher ist sie und ihr Gegenstück auf dem nächsten Foto zu begutachten.
Das Verleimen begann mit dem Deckel. Nicht allzu sparsam waren wir mit dem Fugenleim, er darf beim Fügen gern aus seiner Nut herausschauen. Mit Hilfe von Leimklammern wurde erst der Deckel, dann der Boden fixiert, ...
... bevor die zweite Seite den offenen Vierkant schloss.
Zwei Zurrgurt verspannen die vier Bretter für 10 bis 20 Minuten, dann sind sie für die zweite Box frei.
Gut funktioniert das Ineinandergreifen des rechten Winkels und der 45°-Gehrung an den einzelnen Platten. So entsteht automatisch ohne weitere Führung eine winkeltreue, zweiseitig offene Höhle. Das ist besonders dann wihtig, wenn dieser Teil der Box lackiert oder furniert werden soll. Dabei würde eine schon aufgesetzte Front oder Rückwand nur stören.
An Front und Rückwand haben wir eine rundum laufende Falz gefräst und so die Klebefläche ordentlich vergrößert. Nebenher sorgt diese Führung für wackelfreien Sitz. Die Zurrgurte durften auch hier noch einmal Gewalt ausüben.
Mit farblosem Holzöl wurde das nackte MDF mittels Küchenschwamm eingerieben. Dabei färbt sich selbst das schnöde Braun des Natur-MDF zu einem ansehnlichen, zu vielen Hölzern passenden Farbton.
Antikwachs füllt mögliche Lücken zwischen den Brettern und schließt alle offenen Schnittflächen des schwarzen, angerundeten MDF. Sofort nach dem Auftrag kommt der erste Poliervorgang mit einem ganz billigen Auto-Polierer. Nach Durchtrocknen wird er noch enmal wiederholt. Das ergibt eine sehr angenehm zu begreifende, glatte, samtig glänzende Oberfläche, ...
...die ohne oder mit eingebauten Chassis zu überzeugen weiß.
Somit stehen diese schnell gebauten SB 36 nun wieder allen Testhörern zur Verfügung, die unseren Ausstellungsraum in Bochum zu den wichtigsten Ausflugszielen der Selbstbauszene zählen. Natürlich können die Zuschnitte ab sofort bei uns geordert werden, auch wenn sie aus Zeitmangel noch nicht in den Shops gelistet sind. Auf Anfrage können wir aber schon jeden Preis nennen, sei es für die Schallwände allein oder die kompletten Holzsets in diversen Werkstoffen. Für die SB 36 in der fotografierten Ausführung haben wir 120 Euro/ Stück errechnet, die Schallwand allein kostet in schwarzem MDF mit gerundeten Seiten 40 Euro Nun sind wir endlich soweit, dass die schon 20 Jahre alte Forderung von Intertechnik-Chef Andreas Wolf in die Praxis umgesetzt werden kann: Lautsprecher so leicht bauen wie Schweden-Möbel, aber ohne Schrauben!
Udo Wohlgemuth

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