Simply Exotic
Beitrag von Udo Wohlgemuth
Nun ist es tatsächlich schon mehr als drei Jahre her, dass ich sofort nach dem Bau meines ersten Bauvorschlags mit dem gerade neu erschienenen Exotic F8 von Seas eine Klangbeschreibung versprach. Zwischenzeitlich gab es genug anderes zu tun, was mir die willkommene, innere Ausrede lieferte, mit dem Gehäusebau noch nicht beginnen zu können. Als halbwegs ehrlicher Mensch muss ich zugeben, dass mein Wegschieben eher damit zu erklären war, kein passendes Häuschen im Kopf zu haben, das dem Anspruch des Exoten gerecht werden konnte. Die Q-Werte sprachen dafür, es mit einer Reflexbox zu probieren, die nötigen 200 oder mehr Liter redeten eine völlig andere Sprache. Geschlossen mit -3dB-Punkt bei knapp unter 60 Hz und 80 Liter Volumen konnte mich auch nicht so wirklich begeistern. Wozu sollte dann die Freiluft-Resonanz unter 35 Hz gut sein? Zu allem kam auch noch dazu, dass mir der damals nur einfach vorhandene F8 beim neugierigen Hörtest schon in Mono auf meiner Messwand verdammt gut gefallen hatte. Ihn nur wegen des vernommenen Klangs in eine mit familiären (Wohn-)Verhältnissen unvereinbare, offene Schallwand mit fast zwei Meter Breite zu setzen, widersprach meinem Anspruch, das Ding auch verkaufen zu wollen.
Dieses Problem hat die gedruckte Presse nicht, die sich des Chassis recht schnell annahm. Da man in erster Linie Hefte verkauft und Einnahmen über Werbung generiert, ist die Frage nach der Verkäuflichkeit eines Bauvorschlages verständlicherweise zweitrangig. Aufmerksamkeit beim Leser erlangt eher man durch ausgefallene Konstruktionen, über deren Für und Wider anschließend in den einschlägigen Foren ausführlich diskutiert wird. So wurde der F8 einmal in ein bereits mit anderer Bestückung erfolgreiches Horn gepackt, ein andermal in einen geschlossenes Quader, dessen kontruktiv unbegründet breite Front nicht gerade einen Wohnzimmer tauglichen Eindruck macht, den Redakteuren für das Einüben der eigenen Unterschrift jedoch genug Spielraum ließ. Später folgte ein weiteres, universell einsetzbares Horn, dessen Name schon darauf hindeutete, dass es keineswegs konkret für dieses spezielle Chassis entworfen wurde. Vielmehr setzte es auf die leichte Austauschbarkeit der Treiber und war somit dem F8 mit seinen klanglichen Eigenheiten nicht auf den Leib geschrieben. Zu den klanglichen Aspekt dieser Aufbauten kann ich mich nicht äußern, ich habe sie weder nachgebaut, noch gehört.Boxen dieser Art kann ich in diesem Magazin nicht anbieten, wir finanzieren uns bekanntlich nicht mit dem Verkauf der Texte oder daran angehängte Werbebotschaften. Nehmen wir die wenigen, prinzipientreuen Anhänger geschlossener Breitkisten einmal großzügig aus, wird es kaum jemanden geben, der sich so etwas freiwillig mit einhergehendem Verzicht auf Bassdruck ins Wohnzimmer stellt. Auch Hornkonstruktionen, so spannend sie immer sein mögen, finden eher unter jungen Menschen ihre Nachbauer, die als Käufer eines recht hochpreisigen Treibers nicht wirklich in Frage kommen. Siebzehn Innenbretter mit jeweils selbst zu sägenden, verschiedenen Winkeln an zwei Seiten klebt
kein fünfzigjähriger Röhrenhörer, der letzten Endes entspannt seine Schallplatten genießen möchte, in wochenlanger Kleinarbeit zusammen. Ein passendes Gehäuse für den F8 muss leicht zu bauen und klein genug, dabei aber auch basspotent sein. Anders findet es bei seiner Zielgruppe, über die man sich bei Seas schon bei der Chassis-Entwicklung die richtigen Gedanken gemacht hatte, kein neues Zuhause. Lange Zeit fehlte mir die zündende Idee, wie dieser Breitbänder alter Machart den Ansprüchen möglicher Nachbauer gerecht untergebracht werden kann.
Wenn ich etwas in fast drei Jahrzehnten Beschäftigung mit Lautsprecherbau gelernt habe, dann ist es, dass man nichts herbeizwingen darf. Dinge wollen Zeit zum Reifen haben, sich mit neuen Erfahrungen mischen, die dann irgendwann ein sinniges Ganzes ergeben. Eine noch eher unbeachtete Anregung gab mir die Needle von Cyborg, in der unser Dayton RS 100-4 zur Glanzform auflief. Es folgten die Quickly AX-5 und Hollys AX-08 TQWT, die mir so langsam die Augen für ein ganz anderes Konzept öffneten, das auch für den Exotic interessant sein musste. Mehr oder weniger außer Acht lassen kann man die Chassis-Parameter bei dieser Bauart, die ähnlich einer Transmission-Line die Membranfläche und untere Frequenzgrenze in die Kalkulation einbezieht. Festgelegt wird zudem eine Auslassfläche am Ende der Line. Nach ein wenig Rumrechnerei war innerhalb von weniger als einer Stunde ein Aufbau gefunden, der nicht nur simpel baubar war, sondern auch noch tiefe Basswiedergabe versprach. Manchmal geht es eben schnell, wenn die Idee erst einmal geboren ist. Sogar der Name des neuen Bauvorschlags war damit schon gefunden: Simply Exotic.
Es sollte also eine TQWT werden, die mit knapp 90 Litern und zwei Innenbrettern zufrieden war, worin der F8 in der Vierohm-Version angesiedelt wurde. Da diese Variante des Exotic bisher nicht im Magazin vorgestellt wurde, darf er an dieser Stelle zuerst seinen gewohnten Diener machen.
Exotic F8-4
Artikelnummer: 1381071
Preis: 599 Euro
Messungen als Zip-Datei
Ausstattung
| Membran: | Pappe/ Papyrus | Luftspalthöhe: | 12 mm |
| Sicke: | Gummi | Linearer Hub | 4,2 mm |
| Korb: | Magnesium-Druckguss | Magnet: | Alnico |
| Polkernbohrung: | ja | Befestigungsbohrungen: | 6 |
| Zentrierung: | hochgelegte Flachspinne | Außendurchmesser: | 221 mm |
| Kurzschlussring: | ja | Einbauöffnung: | 188 mm |
| Schwingspule: | 26 | Frästiefe: | 5,5 mm |
| Träger: | Glasfaser | Einbautiefe: | 110 mm |
Parameter:
| Fs | 34 | Hz | Mms | 10,5 | Gramm |
| Diameter | 168 | mm | BL | 4,0 | Tm |
| ZMax | 38,9 | Ohm | VAS | 143 | Liter |
| Re | 3,0 | Ohm | dBSPL | 93,3 | dB/1w/1m |
| Rms | 0,45 | kg/s | L1kHz | 0,15 | mH |
| Qms | 5,04 | L10kHz | 0,04 | mH | |
| Qes | 0,42 | SD | 222 | cm² | |
| Qts | 0,39 | MMD | 8,63 | Gramm | |
| Cms | 2,09 | mm/N | Zmin | 3,85 | Ohm |
Messdiagramme:
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| Frequenzgang und Phase | Impedanz | Frequenzgang unter 0/ 30/ 60° |
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| Klirr für 90 dB | Sprungantwort | Wasserfall |
Für den F8 entwarf ich nach den errechneten Vorgaben ein Gehäuse, das mit den Maßen 120 cm Höhe, 30 cm Breite und 34 cm Tiefe nicht gerade leicht zu übersehen ist, jedoch immer noch eine schlanke Optik bietet.. Ansehnlich gestalten ließ es sich durch die Verwendung von Buchenleimholz und schwarz durchgefärbtem MDF, an beide Baustoffe scheine ich mich langsam zu gewöhnen. Der Kontrast von Holz zu Farbe erleichtert es dem Auge, nicht nur den eckigen Kasten zu sehen, der eine TQWT wegen seiner inneren Werte nun einmal sein muss. Auch wenn es die wohl zweihunderste Wiederholung ist, konnte ich es mir nicht verkneifen, das Verkleben per Foto im Schnelldurchgang zu dokumentieren. Es gibt dort draußen in der weiten Realwelt immer noch viel zu viele Leute, die nicht glauben wollen, dass Gehäusebau tatsächlich sehr simpel ist.
Den Bauplan wollen wir nicht unterschlagen, er folgt als jpg und als gezipte Sketchup-Datei.


Auf der Rückseite befindet sich die Anschlussdose und im Inneren der Box fünf Beutel Sonofil, das im hinteren Teil vor dem Verkleben der zweiten Seitenplatte eingelegt werden muss. Nicht ganz dumm ist es, wenn vorher die Ausschnitte für Chassis und Terminal gefräst sind und das Innenkabel schon verlegt wurde. Ich nutze dagegen Rollenware mit 1,6 Meter Höhe, die in 25 cm Breite zugeschnitten und einmal zusammengeklappt erst nach der kompletten Fertigstellung der Boxen eingezogen wird.
Nach dem Schleifen, Ausschnittfräsen und Lackieren der Boxen wurde der F8-4, über das Terminal mit der Außenwelt verbunden und erstmals in sein neues Zuhause gesetzt. Bis hierhin passte immer noch der erste Teil seines Namens, nun folgte das Exotische. Auch eine Lautsprecherbox mit nur einem Chassis braucht im Regelfall ein Korrektur-Netzwerk, um den nicht ganz glatten Frequenzgang zu linearisieren. Das gilt besonders für den Bereich der hohen Töne, in dem die Abstrahlung immer mehr gerichtet erfolgt, was zwangsläufig auf Achse den Pegel erhöht. Da der Anstieg beim F8 sehr gleichmäßig ist, hat Seas selbst als erste Näherung dafür einen einfachen, frequenzabhängigen Pegelregler aus einer kleinen Spule und einem darüber gelegten Widerstand vorgeschlagen. Der Trick funktioniert sehr simpel, denn nach unten ist die Spule nahezu offen, erst zu höheren Frequenzen erhöht sich ihr Widerstand kontinuierlich. Damit das nicht den gesamten Hochton kostet, sondern nur die Überhöhung geglättet wird, schaltet man einen Resistor dazu, der nach oben einen Höchstwert vorgibt. Das habe ich sofort getestet und für gar nicht schlecht befunden. Naja, schmale Peaks bei 800 Hz, 3 und 8 kHz sind bei einem Breitbänder verschmerzbar, allerdings gefiel mir die Messung unter 15 Grad trotz der Absenkung der Pickel nicht mehr so gut. Der Pegel bricht von 3 bis 7 Khz um 5 dB ein und rauscht oberhalb von 8 kHz steil ab.

Das mussste besser gehen, immerhin haben wir es hier nicht nicht mit einem Taschengeld-Chassis zu tun. Die Idee der Pegelregelung per L und R ließ ich nicht fallen, änderte aber die Werte. Im nächsten Schritt kümmerten sich drei Saugkreise um die Peaks, bevor ich aus dem frequenzabhängigen Vorwiderstand mittels parallelem C und nachgeschaltetem R einen ebensolchen Spannungsteiler machte.


Dramatisch ist der messtechnische Gewinn durch die immerhin elf weiteren Bauteile auf Achse nicht, unter 15 Grad jedoch schon. Zu beachten ist zudem die Impedanz-Kurve, deren Verlauf mit dem Mehr an LCR's das Herz eines Röhrenbesitzers zu recht erfreuen wird.


Auch wenn der Hinweis eigentlich überflüssig ist: an den Bauteilen, deren Werte recht klein sind, habe ich nicht gespart. Trotzdem mussten Silber, Gold oder andere Edelmetalle dafür den sicheren Banktresor nicht verlassen. Langzeitstabilität garantieren die Audyn-Q4-Kondensatoren, Belastbarkeit die 10 Watt Moxe, die ausschließlich verwendet wurden. Für den Spannungsteiler nahm ich eine Luftspule mit 1,4 mm² Drahtstärke, in den Saugkreisen eine Entzerrerspule, eine Luftspule mit 1 mm² Draht und eine mit 0,71 mm² Stärke.
Völlig simpel war auch wieder der Einbau der Komponenten in die Boxen. Da hierzu jedoch recht häufig Fragen kommen, habe ich diese Prozedur fotografiert und die Bilder mit Texten untermalt.Aus dem Fotostudio verfrachtete ich die Exoten direkt in mein Hörstudio, welch sonderbare Namen für meine eher schlichten Gemächer, die Olaf in seinem Leserbericht als sehr persönlich bezeichnete. Leicht auf den Sitzplatz eingewinkelt, aber ncht direkt darauf zielend, ist die ideale Aufstellung für die Breitbänder, die - es sei an dieser Stelle schon verraten - nicht dafür erfunden wurden, ein Sofa mit drei nebeneinander liegenden Sitzplätzen gleichmäßig zu beschallen. Artgerecht schloss ich sie an meinen eXperience KT 88 an und verschwendete selbstverständlich nicht einen Moment mit dem Anstöpseln des CD-Players. Schallplatte war angesagt, vermutlich die Hauptspeise bei allen potentiellen Nachbauern. Doch was legt man auf, wenn man gerade nur 2000 schwarze Scheiben aus allen Musikrichtungen außer deutschem Schlager zur Wahl hat und einen Breitbänder testen will? Ich versuchte es zunächst einmal mit Schonkost - Mann mit Gitarre, richtiger zwei Männer mit Gitarre: Friday Night in Sam Francisco. Gänsehaut pur, weil dort einfach zwei Männer mit ihren Gitarren und ihrem Publikum spielen, ganz klar haben sie gar nichts mit irgendwelchen Holzkisten zu tun, die völlig unmotiviert im Raum herumstehen. Wenn Töne wie ein Feuerwerk mit mindestens 37 Anrissen pro Sekunde und Mann in den Raum geknallt werden, ohne sich einmal zu verschlucken, gibt es nur eins: Augen zu und durch. Schade nur, dass der "Mediterranian Sundance" bereits nach viel zu kurzen elfeinhalb Minuten zu Ende war.
Ok, Mitten sollten Fullranger gut wiedergeben können. Bass und Hochton gleichzeitig sauber darzustellen ist eine weitaus größere Herausforderung, wenn sie aus einem einzigen Chassis zu Gehör gebracht werden müssen. Immer noch vorsichtig probierte ich es mit einem weiteren Klassiker des Jazz, Oscar Peterson's "We get requests", immerhin schon von einem Mann mehr vorgetragen. Bassfundament? Das war doch wohl keine ernsthafte Frage! Aber auch der Bogenstrich und das anschließende Zupfen der Saiten von Ray Brown's Kontrabass waren nicht von undefiniert grollenden Tönen überdeckt. Alles im Gleichklang, wie es besser auch eine Box mit drei Spezialisten nicht hergeben kann. Vergessen wir bei der Begeisterung nicht die Ed Thigpen's Becken, die mit silbrig klingend völlig falsch beschrieben wären. Messing ist das Material, aus dem eindeutig die vier Teller geformt sind, das Ohr ließ sich nicht eine Sekunde lang täuschen. Müßig wäre es, jetzt auch noch von dem mittig stehenden, aber etwas nach hinten versetzten Flügel zu berichten, der mit leisen und lauten Anschlägen dem aussagekräftigen Namen Pianoforte mehr als gerecht wurde.
Noch ein paar Männer (und Frauen) mehr fanden genügend Platz auf der imaginären Bühne. als die Klassik-Abteilung der Plattenschrankes, der eher ein langgstrecktes Regal mit ein paar Meter Breite ist, geöffnet wurde. Streicher vorn, Holz und Blech dahinter und ganz oben die Kesselpauke hatten, jeder Musiker für sich, genügend Ellenbogenfreiheit und Luft zum Nachbarn, dass man sich nie in die Quere kam und so harmonisch und völlig stressfrei miteinander musizierte. Schon das reine Zuhören war eine Freude, egal ob Mendelssohns "Italienische" oder Haydns "Londoner" den Raum hinter den Boxen füllte. Damit sich nun niemand durch die recht einseitige Musikauswahl ausgeschlossen fühlt, muss ich gestehen, dass auch Prince, Peter Gabriel, Ramstein und Peter Fox zu den Künstlern gehören, von denen ich eine Schallplatte besitze, die nicht ungehört im Regal verblieben. Simply Exotic ist manchmal auch mein Musikgeschmack, mit diesen Boxen ergibt sich daraus kein Problem. Und so gab ich mir zum Abschluss den Breitband-Blues at its best: Stevie Ray Vaughn and Double Trouble nahmen mich mit auf die "Tin Pan Alley". Wer dabei einfach nur unbewegt und zurückgelehnt in einem Sessel verharren kann, ist von Musik wohl eher gar nicht zu erreichen.
Udo Wohlgemuth
| Chassis | Seas Exotic F8-4 | Holzliste in 19 mm MDF pro Box |
| 120,0 x 34,0 (2x) Seiten | ||
| Vertrieb | Intertechnik, Kerpen | 26,0 x 34,0 (2x) Deckel/ Boden |
| Konstruktion | Udo Wohlgemuth | 26,0 x 116,2 (1x) Rückwand |
| 26,0 x 114,0 (1x) Front | ||
| Funktionsprinzip | TQWT | 26.0 x 100,1 (1x) Schrägbrett |
| Nennimpedanz | 4 Ohm | 26,0 x 11,0 (1x) Kanalbrett |
| Dämmstoff: | 5 Beutel Sonofil | |
| Terminal | T105MSAU | Frästiefe |
| F8-4: 5,5 mm | ||
| Kosten pro Box: | ||
| Bausatz: | 685 Euro | Holzzuschnitt: 30 Euro |
Messdiagramme:
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| Frequenzgang und Phase | Impedanz | Frequenzgang 0/15/30/60° |
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| Klirr für 90 dB | Sprungantwort | Wasserfall |
Die Simply Exotic kannst du bei Acoustic Design Wohlgemuth oder Intertechnik erwerben.













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