FirstTime 12
Beitrag von Udo Wohlgemuth
Es war einmal ... Dies ist der Satzbeginn, den wir als Kinder ganz besonders gern hörten, war er doch mit der freudigen Erwartung auf das (groß-)mütterliche Erzählen eines schönen Märchens verbunden. Erst sehr viel später begriffen wir, dass er auch Abschied verkündete und etwas nicht wieder so sein würde, wie wir es gekannt hatten. Diese Worte musste ich seit mehr als einem Jahr häufig gebrauchen, wenn nach der FirstTime 6 gefragt wurde, und meine Zuhörer fanden das gar nicht gut. Immer wieder wurde nach einem Folge-Bauvorschlag gefragt, leider mag der W 148-4 keine Bandpässe, so fiel er als Innentreiber aus. Brauchbare Ergebnisse brachten auch die Simulationen mit anderen, preisgünstigen 15ern aus unserem Sortiment nicht. Also steckte ich den Kopf in den Sand und hatte keinen Plan, wie die Box neu erstehen könnte, bis mir in der letzten Woche der W 176-4 in die Hände geriet. Größer zwar vom Durchmesser, doch keinesfalls mit mehr Platzbedarf löste er den Knoten, der die Nachfolge bis dahin erfolgreich verhindert hatte. Da sich zudem auch im Mittel-Hochton neue Spielpartner einfanden, wäre es nicht gerecht gewesen, dem Bauvorschlag nur ein profanes MK 3 als Kennung an das FT 6 anzuhängen, bei so vielen Änderungen war auch ein eigener Namen drin: FirstTime 12.
Nachdem schon feststand, welcher Bass sich zukünftig in der Box verstecken darf, blieb nur noch die Frage nach den geeigneten Kumpanen zu beantworten. Die Erfahrung mit der FT 6 lehrte mich, dass ein sortenreiner Aufbau die sinnvollste Vorgehensweise ist. Erst fiel deren Hochtöner dem Produktionsenende zum Opfer, dann verschwanden Bass und Mitteltöner im Nirvana. Daher blieb ich bei der Gradient Select-Reihe, die die Wahl des Hochtöners sehr leicht machte. Graf Zahl aus der Sesamstraße, Kindern meines Alters aus der Zeit des Erwachsenwerdens noch in guter Erinnerung, wäre der Aufforderung: "Zähl mal den Hochtöner"
mit einem donnernden "eins" nachgekommen. Der GDT 104 N ist also konkurrenzlos, in vielen Bauvorschlägen macht er schon einen guten Job und somit war er gesetzt. Beim Mitteltöner gab es schon mehr zu bedenken, denn es lagen der W 148 und der W 115 bereit und beide sogar noch in vier oder acht Ohm. Der größere Mitteltöner darf sich schon in der FT 10 austoben, was er auch mit Bravour macht. Beide Versionen benötigen dafür allerdings ein größeres Häuschen, damit sie die für die Bandpassankopplung nötigen 100 bis 150 Hz ohne Überschwinger erreichen. Das widerspricht der klaren Zielsetzung, optisch gerade nur Zwerge zu sehen und akustisch von deren Bassdarstellung vollkommen überwältigt zu sein. So hatte ich nur noch zwischen den beiden W 115 abzuwägen. Die Vierohm-Variante liefert 3 dB mehr Schalldruck bei gleicher Verstärkereinstellung, allerdings wird es im Übernahmebereich zum Bandpass zu einer kritischen Impedanzsenke unter 3 Ohm kommen, die den mehrheitlich vorhandenen Verstärkern des Selbstbau-Einsteigers bedenkliche Hitzewallungen bescheren. Damit war auch dieser Teil der Chassiswahl abgeschlossen, bevor ich mich an die Zeichnung des Kästchens machte. Die Messdaten der beteiligten Chassis findest du samt der herunterladbaren Zip-Dateien in den Ausgaben April 2011 (Quickly 18 Update), Juni 2011 (FT 11) und April 2010 (Chassistest). Der Preis für alle Chassis pro Box schmälert den Geldbeutel um erträgliche 48,30 Euro.
Für den Bandpass errechnete LspCAD 7 Liter geschlossenes und 5 Liter Reflexvolumen, in dem ein HP 50 BR mit voller Länge steckt. Mit zusätzlich 2,5 Liter für den W 115-8 hatte ich alle Maße zusammen, um sie mit Hilfe von Sketchup ineinander geschachtelt zu einem eckigen Kasten zu verknoten. Es galt dabei, die inneren Bretter so lange zu verschieben, dass sich möglichst keine davon gegenseitig oder gar den Chassis im Weg stehen. Das gelang leicht, als ich dem Mitteltöner seinen Platz vor der geschlossenen Bandpasskammer zuwies und darunter die Reflexabteilung packte. Auch für das nach vorn weisende Reflexrohr war darin genug Platz vorhanden. Vor dem Zusammenbau sägte ich für den Innentreiber ein Loch in die Mittelplatte. Um den Bass nicht schon beim Bretterkleben einsetzen zu müssen, schnitt ich auch noch einen Rahmen zurecht, auf dem später das Bodenbrett geschraubt werden konnte. So erhielt ich einen Zugang in den Bauch der Box, der die Stabilität nicht schädigt. Bilder von diesen einfachen Aktionen und dem Kleben habe ich nicht gemacht, der Bauplan dürfte zum Bau des Verschlages reichen. Dreidimensional kann das ganze Gebilde in Sketchup angesehen und in allen Richtungen gedreht werden. Fehlende Maße lassen sich in diesem kostenlosen Programm auch leicht nachmessen. Die Bauplan-Datei ist als Zip hinterlegt.

Das MDF war recht schnell in die neue Form gebracht, nach dem Trocknen des Fugenleims wurde geschliffen und gefräst. Mit dem Schattenfugenfräser zog ich alle Schnittkanten nach, was der Box eine schlankere Figur formt. Um die MDF-Farbe ein wenig zu verstecken, habe ich die Boxen mit blauer Beize eingepinselt. Davon gibt es dann auch ein paar Bilder mit erklärenden Texten.
Als der Lack getrocknet war, packte ich insgesamt zwei Beutel Sonofil in eine Box, setzte die per Kabel mit der Außenwelt verbundenen Chassis ein und konnte mit dem Weichenbau beginnen. Die erste Idee, die hinter dem Bandpass-Prinzip steckte, wollte den mechanischen Filter nutzen, den jede Art von Gehäuse darstellt. Der geschlossene Teil begrenzt mit 12 dB/ Oktave zu tiefen Frequenzen, die Reflexabteilung mit gleicher Ordnung nach oben. Es wird in der schönen Theorie also nur ein schmales Frequenzband aus dem Reflexrohr abgestrahlt, das ohne elektrischen Filter auskommt. Leider sieht die Parxis anders aus, denn der Bass plärrt natürlich auch die Mitten in die Kiste. So klingt das dann auch, wenn er
ohne weitere Bauteile auskommen muss. Mittels einer Kernspule und eines Elkos rau wurden die Mittenanteile so weit abgeschwächt, dass sie mehr als 20 dB unter dem Nutzpegel liegen.
Auch die geschlossene Kammer hinter dem W 115-8 stellt einen mechanischen 12dB-Hochpass dar, der den Mitteltöner vor großem Hub bei tiefen Frequenzen schützt. Unterstützung erhält es von einem großen Elko, der für zusätzliche 6 dB Flankensteilheit sorgt. Damit der W 115 dem Hochtöner nicht in die Arbeit pfuscht, begrenzte ich seine ohrrelevante Tätigkeit nach oben mittels vorgeschalteter Spule und parallelem Kondensator. Dem GDT 104 N reichte ebenfalls ein Netzwerk
aus Kondensator und Spule, sowie ein Spannungsteiler zur Pegelanpassung.
In der Summe addieren sich die Einzelzweige ideal, wenn der Bass zu seinen Partnern phasengedreht angelötet wird. Da der Einbau der Komponenten immer wieder Anlass zu Fragen ist, habe ich ihn fotografisch dokumentiert.

Fehlen nur noch die Messdiagramme:
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| Frequenzgang und Phase | Impedanz | Frequenzgang unter 0/ 30/ 60° |
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| Klirr für 90 dB | Sprungantwort | Wasserfall |
Spannend wurde es natürlich, als die FT 12 endlich im Hörraum standen, wo sie sich an meinem AVR beweisen mussten. Lieber hätte ich mit einem alten Stereo-Verstärker gehört, der wahrscheinlich eher der Zuspieler sein wird, doch mangels Masse ging das nicht. Nicht gerade groß ist leider auch die Auswahl an CD's, die der FT 12 wohl in den meisten Fällen zugemutet wird. So verfrachtete ich zunächst einmal die gute Katie Melua in den Null-Eins-Ausleser, sie quittierte das nicht mit Unmut. Ihre sanfte, aber wohlbetonte Stimme bewies das mit guter, räumlicher Auflösung und ohne jede Schärfe, die auch viel teurere Kalotten so gern an den Tag legen. Mangel an Details gab es trotzdem nicht zu beklagen, sie knallten nur nicht unangemessen in den Vordergrund. Der Bass reicht tiefer herunter als bei der FT 6, was für Musik einen Subwoofer selbst in meinen 42 m² überflüssig macht. Er steht mit deutlichen Anrissen hinter der Sängerin neben den kurz und trocken angeschlagenen Drums, wo er ja auch hingehört. Nun ist die Darstellung ruhiger Schmusemusik keine wirkliche Herausforderung für halbwegs vernünftig abgestimmte Lautsprecher, größere Ansprüche stellt da heftige Rockmusik, die mir Rammstein anschließend um die Ohren fetzte. Da musste es auch mal lauter werden, ohne dass die Ohren schmerzen, alles etwas spektakulärer geboten werden. Kein Problem für die FT 12, eher für den AVR, dessen angegebenen 7 x 160 Watt realistisch die Null fehlt. Weniger Laut und Leise zur gleichen Zeit verlangte Peter Fox, der von meiner Bravo-Hits-CD erklang. Genug stampfende Tieftöne untermalten auch die Pussycat Dolls, die dem Barden auf dem Fuß folgten. Auch Madcon mussten nicht darüber klagen, dass der etwas vorlaut aufgenomme Bass zu hintergründig bliebe. Um meinen Bericht nicht ausschließlich mit fast vergessenen Künstlernamen schmücken zu müssen, wurde ich zum Abschluss der Hörsitzung etwas aktueller und schaltete auf den eingebauten Tuner um, wo gerade die Nachrichten verkündet wurden. Mit klarer Stimme gab der Sprecher zum Besten, was die Welt zur Zeit bewegt. Den Inhalt zu bewerten, erspare ich mir diesmal. Ich habe ihn zu einem großen Teil weniger gut verstanden als den Sprecher.
Kleiner Nachtrag: Gerade hat ein User aus dem Hifi-Forum den Laden verlassen, die FT 12-Bausätze liegen in seinem Kofferraum. Es war schön, sein ungläubiges Gesicht zu sehen, als ihm Yellos "Baby" um die Ohren knallte. Natürlich bat ich ihn um eine Klangbeschreibung, doch er war einfach nur sprachlos. Er kam sich offensichtlich vor wie im Märchen.
Udo Wohlgemuth
| Chassis | Gradient W 176-4 | Holzliste in 16 mm MDF |
| Gradient W 115-8 | pro Box: | |
| Gradient GDT 104 N | ||
| 39,0 x 32,0 (2x) Seiten | ||
| Vertrieb | Intertechnik, Kerpen | 39,0 x 18,0 (2x) Front/ Rückwand |
| Konstruktion | Udo Wohlgemuth | 28,8 x 18,0 (4x) Deckel/ Boden/ Teiler |
| 23,2 x 18,0 (1x) MT-Kammerbrett | ||
| Funktionsprinzip | Bandpass | |
| Nennimpedanz | 4 Ohm | Frästiefen: |
| Dämmstoff: | 2 Beutel Sonofil | W115-4: 4 mm |
| Terminal | T105MS/AU | GDT 104 N: 3 mm |
|
Reflexrohr |
HP 50 BR ungekürzt | |
| Kosten pro Box: | ||
| Bausatz: | 96,10 Euro | Holzzuschnitt: 12 Euro |
Die FT 12 kannst du bei Acoustic Design Wohlgemuth oder Intertechnik erwerben
Leserbeiträge zu diesem Artikel
Dieser Bausatz wurde bereits von Lesern nachgebaut. Klicken Sie auf die Links in der Liste um die entsprechenden Leserberichte aufzurufen .Franks FT 12 15. Mar 2012, Beitrag von Frank
FirstTime 12 von Nils 16. Sep 2011, Beitrag von Nils












