Eton4Me – eine Eton2U XXL mit Keramikhochtöner
Ein Projekt von Martin F aus E

Einige Lautsprecherpaare habe ich bereits fertiggestellt, ich glaube acht bis zehn in den letzten 20 Jahren. Ab und zu habe ich Spaß daran, mal wieder Schraubzwingen und die Oberfräse zu bemühen. Da ich noch andere Interessen in meiner knappen freien Zeit habe, kann sich so ein Projekt durchaus ein bis zwei Jahre hinstrecken. Das liegt auch daran, dass ich es dabei gern ein wenig umständlicher angehe und den handwerklichen Weg als Teil des Ziels betrachte. Denn das Hobby heißt Lautsprecherbau und nicht Lautsprecherhaben.
Meine letzten drei Projekte waren Nachbauten der Minuetta für mein Wohnzimmer, der MysteryPA für die Partygarage des Schwagers und der MiDu für einen Freund.Mit dem Umzug in eine größere Wohnung habe ich eigens ein Musikzimmer für mich eingeplant, zu dessen Einrichtung natürlich ein Paar feiner neuer Schallmöbel gehören sollte. Das Angebot hier im Magazin ist sehr vielfältig und wächst monatlich. Meine neue Box war aber bisher nicht dabei.
Nach zwei Projekten mit dem Airmotiontransformer ER4 galt zur Abwechslung der Eton-Keramikhochtöner 26HD1 als gesetzt. Die damit bereits hier vorgestellten Bauvorschläge klingen hervorragend und sind keine zweite Wahl neben den ER4-bestückten Varianten. Das konnte ich selbst in Bochum probehören. Die Symphonie285 ist leider etwas zu groß und mächtig für meinen Hörraum. Die Phase34 hat mir gut gefallen. Die D'Appolito-Anordnung ihrer Tiefmitteltöner führtaber zu einer Bauhöhe, die im Konflikt zur Dachschräge meines Hörraums steht, wenn der Hochtöner auf Ohrhöhe schweben soll, während ich auf dem Sessel sitze. Die Siebenzöller der Phase34 haben meine Zweifel weggeblasen, dass zwei 7er zu wenig Bass und Punch bieten könnten. Für mein Musikzimmer dürfte es gar nicht viel mehr sein, weniger aber auch nicht. Statt der Tieftöner aus der Phase34 wollte ich lieber den nicht mehr ganz so neuen und dafür günstigeren Eton 7-375 verwenden. Schlecht kann der 375er nicht klingen, hat er sich doch vor einiger Zeit in der Testsiegerbox Feel IT wacker geschlagen. Zwei Stück 7-375 befinden sich auch in dem schon länger bekannten Bauvorschlag Eton2U XXL. Nach langem Hin-und-her war meine Entscheidung klar: ich baue eine Eton2U XXL mit Keramikhochtöner.

Nach der mit der Kera 360.2 eingeführten Nomenklatur muss meine Box wohl Kera 375.2 heißen? Das ist mir zu technisch. Ich nenne sie einfach Eton4Me.,Bei der Formgebung ließ ich mich in gewisser Weise von Boxen einer Marke aus dem Hifi-Studio,inspirieren, mit denen ich mich sicher näher beschäftigt hätte, wenn ich meine Lautsprecher nicht, selber bauen würde. Einer nach hinten geneigten Konstruktion wird dort nachgesagt, Phasenunterschiede zwischen Hochtöner und dem darunter liegendem Mitteltöner auszugleichen. Mir gefällt an der Neigung ganz einfach, dass sie optisch einen interessanten Gegenlauf zur Dachschräge meines Hörraumes herstellt.
Eine schräge Box allein war mir nicht spannend genug. Gerundete Seitenwände habe ich schon gebaut, warum nicht mal eine gerundete Schallwand? Neben einer interessanten Ansicht verspreche ich mir davon auch gewisse akustische Vorteile. Die Verrundung soll Kantenreflexionen reduzieren und so einer präziseren räumlichen Abbildung zuträglich sein. Die gewölbte Schallwand konstruierte ich aus leicht winklig zugeschnittenen und aufeinander geleimten 19mm MDF-Leisten, welche die Segmente der späteren Rundung vorgeben. Die Breite der Schallwand ergibt sich aus 12x 19mm = 22,8cm. Die Rundung stellt sich durch Schleifen der Segmentübergänge leicht ein. Sie geht über die ganze Boxenbreite, mit Ausnahme der zentralen ca. 10cm, in welchen der Hochtöner eben und schallwandbündig liegen soll.

Die Schallwände habe ich Leiste für Leiste aufgebaut. Eine Tischkreissäge im Keller half bei den Winkelschnitten. Jede Schallwand besteht aus je zwei Hälften. Eine darunter geklebte 5mm MDFPlatte sorgt für zusätzliche Stabilität.

Rückwand, Boden und Deckel bestehen aus einem Sandwich: 12mm MDf/ 3mm Kork / 12mm MDF/ 3mm Hartfaser weiß. Die Herstellung der Seitenwände nach diesem Prinzip ist leider an einer Verkettung von Problemen gescheitert. Es ist mir nicht gelungen, die Platten und den Kork in dieser Größe bündig und verzugsfrei zu verleimen. Die Seiten bestehen somit "nur" aus 19mm MDF mit aufgeklebter 5mm Hartfaserplatte. Letztere ist einseitig weiß beschichtet, was eine recht gute Lackiergrundlage ergibt. Die Schallwände habe ich nach dem Fräsen der Chassisöffnungen mehrfach grundiert, um die offenen MDF-Schnittkanten der Vorderfläche zu stabilisieren. Diese sind nämlich relativ weich und empfindlich.

Ich bereite die Schallwand gerne getrennt vom übrigen Boxengehäuse vor, um bei eventuellen Fräsfehlern nicht einen größeren Posten Sperrmüll entsorgen zu müssen. Es ist eigentlich schade, dass ich mich bisher nie verfräst habe, um dann vom Vorteil der Idee zu profitieren. Dafür leide ich unter dem Nachteil der Methode, dass sich die einzelne Schallwand leicht verzieht und sich später nur schwer rundum passend auf das Boxengehäuse verkleben lässt. Man kann das zwar schraubzwingen und spachteln, allerdings steht die Schallwand dann unter mechanischer Spannung. Das kann zu Rissen in der Oberfläche führen, vor allem wenn diese, wie in meinem Projekt, aus nicht sehr zugfesten MDF-Sägekanten besteht. Beim nächsten Projekt sollte ich meine Technik vielleicht überdenken.

Nach der "Hochzeit" von Schallwand und Korpus habe ich die Verbindungsfuge mehrfach gespachtelt und geschliffen und anschließend die ganze Box mit einem Spritzfüller aus der Sprühdose grundiert. Die glatt geschliffene Oberfläche (nass bis 600) konnte dann lackiert werden.

Ich gebe zu, dass das Design eines Lautsprechers und die Weise, wie er sich in Größe, Form und Oberfläche in den Wohnraum einfügt, mich mindestens genau so beschäftigt, wie dessen klangliche Eigenschaften. Während meine Minuettas in Bubinga-Furnier mit schwarzer Lackfront sich hervorragend auf den sandfarbenen Bodenfliesen der unteren Etage machen, sollte zum Wenge-Parkett im Dachgeschoss eher eine helle Oberfläche passen. Ursprünglich dachte ich an Ahorn oder Birke. Nach zwei Projekten mit Holzoberflächen wollte ich mich aber wieder an ein Lackfinish wagen, und zwar in Weiß. Weiß waren früher nur Kühlschränke, Waschmaschinen und dressierte Tiger in Las Vegas. In letzter Zeit sieht man aber neben Computern und Telefonen mit Obstlogo auch immer mehr Selbstbauboxen in dieser Nichtfarbe. Ich verschließe mich diesem Trend nicht, und so werden auch die Eton4Me weiß. Über das Lackieren mit Baumarktfarben und Heimwerkermitteln wurde viel geschrieben und diskutiert. Es ist unbestritten, dass sich damit nur eingeschränkt makellose Ergebnisse erzielen lassen. Ich habe mich dennoch dafür entschieden. Mit den zu erwartenden Imperfectionen kann ich leben. Dafür erfreue ich mich am Alles-selbst-gemacht-Gefühl.
Als Lackauftrag gab es ein paar Sprühdosen Premiumweiß seidenmatt. Nach dem Trocknen habe ich den Lack vorsichtig nass geschliffen, mit 1000er, dann 3000er, dann 6000er Körnung. Zum Abschluß habe ich die Boxen mit ein paar Lagen Hartwachs aus dem Autopflegebereich poliert. Das Ergebnis ist mehr als nur zufriedenstellend.

Nach Fertigstellung der äußeren Hülle habe ich die Kabel verlegt, das Dämmmaterial eingebracht und die Chassis verbaut. Die obere Hälfte der Box, bis unter den unteren Tieftöner ist recht dicht mit Polsterwatte gefüllt. Der untere Teil des Boxenvolumens bleibt frei. Zwei Bassreflexrohre unten auf der Rückwand bestehen aus eingepressten HT75-Rohrstücken aus dem Baumarkt, deren Steckmuffenflansch (nennt man das so?) jeweils bündig zur Rückwand abgesägt wurde. Die Öffnungen für die Rohre habe ich mit einer Bohrmaschine mit Lochsägeaufsatz in die Rückwand gesägt.

Die Boxen stehen auf Gummifüßen, die verhindern sollen, dass über das Parkett die ganze Etage mitmusiziert. Spikes wären hier wahrscheinlich keine gute Idee. Unter dem Bodenbrett befindet sich ein zum Fußboden offener Hohlraum für die Frequenzweiche. Im Moment und in den weiteren Wochen verbleibt die Frequenzweiche noch extern auf einem Testboard neben der Box. So könnte ich noch einige Bauteilvariationen ausprobieren, obwohl es klanglich für mich eigentlich keinen mehr Grund gibt, etwas zu verändern.

Nach einigen Simulationsabenteuern und Schaltungsexperimenten, die durch Udos verbales Kopfschütteln per Mail und durch eigene Erkenntnis per Hörtest abgelehnt wurden, folgt die Frequenzweiche nun weitestgehend der Schaltung der Eton2U XXL, mit etwas anderen Bauteilwerten vor dem Hochtöner, da hier auch ein anderer Hochtöner spielt. Die Bauteildimensionierung erfolgte bisher nach meinem Gehör in meinem Hörraum. Einen Beleg für deren Korrektheit kann ich mangels Messequipment zur Zeit nicht erbringen.


Durch die Verrundung der Schallwand mussten die Tieftöneröffnungen etwas tiefer ausgefräst werden, damit die Montageränder der Körbe rundum eine Auflagefläche finden. Die Schrägstellung der Box sorgt dafür, dass der weniger versenkte Hochtöner aus Sicht des Ohres nicht vor dem tiefer versenkten Tieftöner sitzt. Außerdem lässt sich einrichten, dass beide Tieftöner, geschickt auf der Schallwand positioniert, den gleichen Abstand zum Ohr am Sitzplatz haben.

Wie klingen sie denn nun, wird man fragen? Besser als nur gut! Und das, obwohl es bei der treibenden Elektronik qualitativ noch Luft nach oben gibt und im karg möblierten Zimmer noch ein paar Bedämpfungsmaßnahmen für die Verbesserung der Raumakustik sorgen könnten. Ich bilde mir ein, dass die Eton4Me klanglich der Phase34 recht ähnlich ist, vielleicht in der Bassabstimmung etwas kräftiger, dafür einen Tick weniger räumlich. Aber das ist mit fast einem Jahr Hörabstand und in einer anderen Hörumgebung schwer mit absoluter Gewissheit zu sagen. In Punkto Räumlichkeit und Impulsfreudigkeit ist die Eton4Me jedenfalls der Minuetta mit alter Weiche überlegen, die ich im direkten Vergleich bei mir zu Hause hören kann. Ich finde die Eton4Me, wie auch die Phase34, knackiger als die "Schlachtschiffe" Duetta und MiDu. Der Bass der Eton4Me geht in meinem Hörraum mehr als ausreichend tief und bleibt dabei trocken und sauber. Den knorrigen Tiefbass einer BlueNote erreicht sie natürlich nicht, muss sie auch nicht.
Die Eton4Me spielt druckvoll, ohne nach längerem Hören zu nerven. Es ist eine Freude, jegliche Art von Schlagzeug und Percussion zu hören, oder Pianoklänge von Keith Jarrett bis Rubén González, oder Rock, Blues und Jazz verschiedenster Stile, jazzigen Reggae von Groundation, das John Butler Trio oder dynamischen Elektropop à la Yello: "Oh, Yeah!". Auch ruhigere Töne, z.B. in Form der melancholischen und akustischen Seite von Nick Cave and the Bad Seeds, werden bewegend vorgetragen. Ein Traum auf der Eton4Me sind die Eagles, Van Morrison und der leider vor kurzem verstorbene Solomon Burke. Und wenn's mal richtig krachen soll, explodieren die Boxen auch nicht bei Neil Youngs "Hey Hey, My My (Into the Black)".
Bei klassischer Musik muss man differenzieren. Streichquartette sind nach meiner Hörerfahrung eher eine Sache des ER4. Aber kleine Besetzungen mit Klavier, Cemballo oder Gitarre kommen sehr gut aus der Eton4Me. Durchaus auch Chorgesänge, wer's mag, von Bach bis Ladysmith Black Mambazo. Gewisse physikalische Grenzen gibt es sicher bei der Wiedergabe großer Orchester. Zum Glück werden Wagners Walkürenritte und ähnliches seltener bei mir gespielt, somit entgeht mir da nichts.

Interessant wäre jetzt noch ein Vergleich der Eton4Me mit der Eton2U XXL. Diesen muss ich schuldig bleiben, da ich die Eton2U XXL selbst bisher nicht hören konnte.
Nach dem Projekt ist vor dem Projekt. Als nächstes werde ich mein vor fünf Jahren begonnenes Verstärkerprojekt wieder aufgreifen und möchte dieses in 2011 weit vorantreiben, es sei denn, irgendjemand verleitet mich, wieder ein Paar Lautsprecher bauen zu wollen.
Mit kollegialem Gruß an alle Selbstbauer