„The needle and the damage done“ oder „Kann Weniger Mehr sein?“
Nach 20 Jahren (Hör)–Paradies – abgelegenes Fachwerkhaus, keine Nachbarn im Umkreis des nächsten Lichtjahres – zogen wir in eine Stadtwohnung. Nachbarn über und unter uns zwingen meinen Sohn und mich nun leider zu anderen Hörgewohnheiten. Axels Röhre glüht bei geringerer Lautstärke genau so schön und treibt seine „Viecher“ eben etwas leiser an. Meine Anlage ist dagegen wohl zu sehr auf höhere Pegel ausgelegt. Bei der nun angesagten „Zimmerlautstärke“ kommt einfach kein zufrieden stellendes Hörvergnügen auf. Außerdem kommt hinzu, dass der neue Hörraum trotz verschiedener Gegenmaßnahmen ziemlich hallig klingt. Dreht man etwas lauter auf, wirkt die Musik sofort nervig. Klar: andere Boxen müssen her. Udos Duetta, oder zumindest Duetta Top sollen es irgendwann sein, sprengen im Moment aber den finanziellen Rahmen. Ein Besuch in Bochum und schon befand sich für 92,00 EURO ein interessanter Bausatz in meiner (Hosen)-Tasche: die Needle.
Zu Hause ausgepackt mussten wir schon ein wenig schmunzeln. Das Chassis, dass jetzt alles bringen sollte, war gerade mal so groß wie mein derzeitiger Hochtöner. Ob da wohl so etwas wie Bassfundament zu erwarten ist? Ausgepackt wirkt der Dayton Breitbänder sehr solide. Starker Magnet, saubere Verarbeitung, belastbare Gummisicke. „Bau`n wir mal“ war unser Spruch.
Ich wollte im Moment zwar keine Million für eine Box ausgeben, aber eine billige MDF- Kiste sollte es auch nicht sein. Lack hat jeder und so kam mir die Idee mit den Eiche–Leimholz–Planken und Senso Futur Klebelaminat. Die „Innereien“ und den Korpus ließ ich im Bauhaus aus MDF schneiden. Das Laminat ließ sich wunderbar auf Front, Deckel und Rücken aufbringen. Lediglich die grauen Stoßkanten färbten wir mit einem Edding schwarz ein. Die Weiche, eigentlich nur ein Sperrkreis und für meinen Sohn kein Problem, klebten wir innen an die Rückwand. Das Anschlussterminal ließen wir weg und brachten die vergoldeten Schraubklemmen am Boxenboden an. Das ging weil wir die Seitenteile 7 cm nach unten überstehen ließen um eine Gesamthöhe von 100 cm zu erreichen.
Nach der Fertigstellung des Gehäuses wurden die Seitenteile leicht angeschliffen und mit Hartöl eingerieben. Auf eine Bodenplatte haben wir vorerst verzichtet. Von echter Standsicherheit kann man zwar nicht sprechen, aber es sieht so einfach besser aus. Wir arbeiten allerdings noch an einer sicheren Lösung, die auch unseren optischen Ansprüchen genügt.
Selten haben wir weniger von einem Klangtest erwartet als bei der Needle. Man kann jetzt auch nicht behaupten, dass einen der erste Klangcheck vom Hocker gehauen hätte. Dafür haben wir doch schon einige höherwertigere und vor allem potentere Projekte gebaut. Zunächst stellte sich die Needle als im positiven Sinne typischer Breitbänder dar. Im Focus sitzend erlebt man bei „hell freezes over“ von den Eagles eine tolle, räumliche Darstellung, die nur sehr gute Mehrwegkonstruktionen so bieten, das macht Spaß. Bassfundament? Ja! Die Tassen im Schrank bleiben zwar stehen, aber bei 90% des Musikmaterials kommt klanglich alles rüber was auf der Platte drauf ist. Überraschend war der Test mit einem aktiven Sub der 30 cm – Klasse, den wir parallel mitlaufen ließen (also die Needle nicht als Satellit angeschlossen). Man braucht ihn einfach nicht. Lautstärkemäßig richtig angepasst hört man ihn nicht raus (das bringt die Needle selbst), stellt man den Sub lauter, verfälscht er das Klangbild. Tonal sehr ausgewogen, das muss man der Needle schon bescheinigen.
Lediglich im Hochtonbereich verschluckt sie das ein oder andere Detailchen, wenn man nicht genau im Stereodreieck sitzt oder der Hörabstand zu groß ist. Dadurch wird sie aber nie „nervig“. George Thorogood’s „Bad to the bone“ oder Moby Crape’s „Can’t be so bad“ kamen schmissig und klar rüber. Selbst Neil Young’s geniales, grottenschlecht aufgenommenes Album „Harvest“ (bei mir natürlich von Platte) hörten wir komplett durch. Lange Hörsitzungen mit Spasseffekt schon bei geringen Lautstärken sind garantiert und die Nachbarn bleiben von wummernden Bässen und spitzen Höhen verschont. Natürlich kann die Needle auch laut(er). Aber da sind den paar cm² Membranfläche doch Grenzen gesetzt.
Fazit: Für mich ist in diesem Fall weniger wirklich mehr. Bis die Duetta Top’s bei mir stehen werde ich viel Freude mit den kleinen Nadeln haben.

Helmut



Hallo Helmut, schöne Umsetzung der Needle. Die Echtholzseiten sehen richtig edel aus. Durch den schwarzen Mittelteil wird sie schlanke Optik noch betont. Gefällt mir gut, habe so ein Design auch früher schon bei eigenen Projekten angewandt. Dieses Senso Klebelaminat kannte ich noch nicht, hört sich aber interessant an. Viel Freude noch mit Deinen neuen Nadeln :) Gruß Theo
Vielen Dank für den Beitrag, vor allem mit den aufschlussreichen Ausführungen zur Aufstellung im Hörraum! Nicht der "objektiv" beste Lautsprecher, sondern der zu den heimischen Gegebenheiten passende ist der "richtige". Hörpegel, Aufstellung der Schallwandler im Raum, der Hörabstand, die akustische Eigenschaften des Raums usw. sind sehr wichtig für das Klangergebnis; viel mehr als Tiefbass und Maximalpegel. Ganz vorn steht immer die Aufnahmequalität und - natürlich (?) - die Musik selber! Viele Grüße
Ach so, wünsche auch der weissen Santana-Taube viel Futter! Vielleicht fliegt die ja mal wieder ..
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