BlueNote von Dirk G.
Baubeschreibung:
Tja lieber Udo, nachdem Du leichtsinnig behauptest hast, die Idee zur BlueNote käme ausschließlich von zwei anderen Kunden, musst Du zumindest meinen Bau- und Hörbericht ertragen. Gerne rufe ich Dir noch einmal in Erinnerung, in welchem Maße MEINE Anregungen zu dieser Box beitrugen.
Die Duetta hatte ich in unserem 35 qm Wohnzimmer gehört, wobei zu erwähnen ist, dass die LS mittendrin stehen, also nach hinten wie nach vorn in etwa den gleichen Abstand zur Wand haben. Meine Befürchtung, zu grosser Wandabstand bedeute zu wenig Bass, hatte sich leider ins Gegenteil verkehrt, zudem komme ich aus der Spendor "wir hören ganz English und immer schön die Mitten" Fraktion. Von Spendor LS 3/5 SE zur Duetta, das ist wie vom Mofa zum Harley, was den Sound angeht jedenfalls, nicht den Preis. Nun gut, die Duetta erschlug mich (persönlich) mit Ihrem Bass, ich war so etwas nicht gewöhnt, zudem bin ich ein Abendhörer, der gestresst vom Job Entspannung sucht. Jedes dB ehrlicher Bass ist da schon nervig. Also die MiDu ausgeliehen und im Wohnzimmer angeschlossen. Das ging gar nicht. Weder in meinem Raum, noch mit meinen Nerven.
Ein paar Wochen später folgte der nächste Hörversuch bei mir daheim, diesmal mit der Feel It. Ausreichend vom Bass, aber die durchhörbaren Mitten fehlten mir. Meine bevorzugte Musikrichtung ist nunmal Jazz mit Gesang. Es war zu erwarten, dass dies auch für die Eton 2U XXL galt, von der ich mir den Durchbruch erhofft hatte. Ich hatte sie schon im Laden gehört, damals hatten zwei Kunden vor allem Yellow aufgelegt, und dafür war sie hervorragend geeignet. Leider fehlten mir auch hier die Mitten.

Dann hatte Udo endlich seine BlueNote fertig. Ich ersparte mir den ständigen Transport von neuen LS in mein Wohnzimmer, immerhin entspannte sich meine Frau, nachdem das Format einer MiDu und Duetta sich langsam verkleinerte. So saß ich eines Tages wieder auf Udos lieb gewonnenem Sofa und wir hörten die BlueNote. Anfangs misstraute ich dem immer noch kräftigem Bass, der bis 35 Hz runtergeht. Schon wieder so eine basslastige Kiste? Prompt präsentierte Udo eine Schaltung, die den Bass für gestresste Ohren zähmte. Das hat mich endgültig überzeugt.
Es folgte der Kauf und Aufbau der Box. Um mir die Lackiererei von MDF zu ersparen, entschied ich mich für 21mm Birkenmultiplex. Die Farbe sollte auf jeden Fall von bester Qualität und von Zweihorn sein. Ich entschied mich für Signalorgange, RAL 2002 ;-) Dafür gibt es gute Gründe: man sollte die Struktur des Holzes noch sehen, die Box sollte "leuchten", also spürbar sein, auch wenn man die Augen schliesst, demnach nicht nur sicht- und hörbare, sondern auch fühlbare Energie ausstrahlen. Vorweggenommen - das tut sie! Anfangs hatte ich den Plan, die Chassis in einer schwarzen Schallwand optisch verschwinden zu lassen, dann entschied ich mich bewusst dagegen; alle "Anbauteile" wie Chassis, Terminal, LS-Kabel und Granitsockel sind schwarz und bilden einen bewussten Kontrast zum Orange. Um die Wände zusätzlich zu beruhigen machte ich es besonders ordentlich und klebte die Box von innen mit Trittschalldämmung aus. Ausserdem wurde der zweite Anschluss des Bi-Wiring Terminals von vorne herein mit einer Impedanzkorrektur versehen. Sollte ich mich doch einmal für eine Röhre entscheiden, genügt eine Brücke an den Anschlüssen von aussen.
Das Finish übernahm ein Schreiner, leider. Die wasserbasierende Beize von Zweihorn wurde extra angemischt, sowie 2K-Lack in Seidenmatt gekauft. Das alles wurde dem Schreiner übergeben. Er sollte die Boxen nochmals schleifen und in seiner Lackierkabene erst zweimal beizen, dann zweimal lackieren. Das hat er auch getan, allerdings hat er nicht alle Leimspuren beseitigt, somit habe ich helle Flecken, da der Leim nicht die Beize angenommen hat. Wenn man nicht alles selbst macht! Ich werde mir weiteres Gemecker an dieser Stelle ersparen, gebe Euch aber den guten Rat: macht soviel wie möglich selbst. Wenn Ihr es versemmelt ist es nicht so schlimm, als wenn es jemand anderes tut.
Klangbeschreibung:

"Die Mitten sind wie losgelöst, es ist, also würde ein unsichtbarer Vorhang hochgezogen". So oder so ähnlich klingt es gerne in Fachzeitschriften, von denen ich genau zwei gelesen habe. Das ist widerlich. Ich erspare Euch das, versuche vielmehr es mit meinen Worten zu beschreiben und hoffe dass eine Idee und ein Gefühl davon hängenbleibt, was ich beschreibe.
Meine erste CD ist immer Larry Carlton "Alone but never Alone", Lied 1 und 2. Das klingt leider an fast jeder Box gut, aber nur auf den erste Blick, bzw. hm, wie ist das richtige Wort: "Ohr"? Jedenfalls ist der Bass dort sehr klar und druckvoll, kurze Ausschwingzeiten, was mir entgegekommt. Ich mag kein Bassgewabber. Das klingt jedenfalls sehr gut, keine Rede mehr von einem Hochpassfilter. Nun das Gegenteil, Dead Can Dance - Toward The Within - I Am Stretched On Your Grave. Pauken im Vordergrund. Ich habe sie live gesehen. Diese zwei Pauken sind riesig. Nun zeigt die BlueNote, warum sie soviel Volumen für den Bass hat. Da sind sie wieder, fast wie live, tief, und sie schwingen wunderbar nach, wabern oder dröhnen aber nie. Gleich danach Desert Song der gleichen CD. Jetzt hört man zwei Darbukas, die mächtig Pegel machen und vermutlich alle Chassis stressen, da sie ein reichhaltiges Klangspektrum haben. Und es geht lauter. Langsam kribbelt es...
O.K., das war live, jetzt gehts ins Studio, wenig Instrumente, aber perfekt abgemischt. “Wie schon auf den vier vorangegangenen TOK TOK TOK Alben, hat der isländische Klangexperte für akustische Musik Hrólfur Vagnsson erfreulicherweise auch diese Platte aufgenommen, gemischt und gemastert, sodass auch passionierte HiFi-Freaks voll auf ihre Kosten kommen” (Zitat einer Kundenrezension bei Amazon). Ich hatte mir extra eine XRCD für 35,-- Euro gekauft, sie ist klanglich auch nicht besser als: TOK TOK TOK - 50 Ways to leave your Lover. Lied Nr. 02 - Alone again. Jetzt wird es ernst. Wie klingt vor allem der Kontrabass und die Stimme? Die Nervosität weicht dem Entzücken. Bass und Sax spielen los, dann setzt Tokunbo Akinro mit ihrer umwerfenden Stimme ein. "Mittensau", das fällt mir ein, wenn ich an - nein nicht Tokunbo Akinro - sondern an die BlueNote denke. Ich schliesse die Augen und die Stimme vibriert und kitzelt mich an meiner Stirn. Vor ca. 24 Jahren las ich einmal einen Kopfhörertest, der Titel blieb mir bis heute in Erinnerung "Musik direkt im Kopf". So fühlt es sich an, wenn man eine gute Aufnahme und gute Musiker mit der BlueNote hört. Natürlich, man liest es auch bei anderen Klangbeschreibungen - reduziert sich bei einer Box solchen Kalibers die CD-Sammlung im Laufe der Zeit. Die Anzahl meiner CDs sinkt seit Fertigstellung der BlueNote. Weniger ist manchmal mehr und Geiz ist definitiv nicht

geil. Nächste CD: Ulita Knaus - It´s the City. Diese CD hat Udo an eine "arrogante Zicke" erinnert, habe aber vergessen, wen er damit meinte. Egal. Die CD finde ich von der Musik her toll, vom Klang kommt sie nicht an die vorherige heran. Aber jetzt wird es wieder dichter, eine Band spielt auf und auch hier ist alles richtig. Ich bitte Quadro Nuevo auf die Bühne, und das Geräusch des tickenden Weckers bei Giovanni Tranquillo der CD Mocca Flor setzt ein. Ticktickticktick ticktickticktick, dann der Kontrabass. Ups, ein wenig zu fett abgemischt (meint Udo auch), aber keine Stimmen mehr, ich konzentriere mich auf das Akkordeon und das Saxophon und lausche dem ER4 und dem Mitteltöner. Wie aus einem Guss trifft die Musik meine Ohren. Es ist alles an seinem Platz, auch Quadro Nuevo habe ich live gehört und glaube. es beurteilen zu können. Nun der ultimative Härtetest. Johann Sebastian Bach - Toccata und Fuge in d-moll. Mein gerade neu getunter Verstärker mit nunmehr 154000uF Siebung holt noch einmal kräfig Luft und dann geht die Post ab. Der Lautstärkeregler ist irgendwo hinter 12 Uhr und jetzt bebt die Luft. Infernal blasen mir die Orgelpfeifen entgegen, ich habe das Gefühl ich sitze nicht in einer Kirche in Richtung Altar gewandt, sondern schwebe in Höhe der Orgelpfeifen 10 Meter von ihnen entfernt.
Schlussgedanken:
Die BlueNote sind von den Abmessungen her völlig in Ordnung, haben eine schlanke Schallwand, der WAF ist hoch. Sie sind irgendwie klassisch, eine echte 3-Wege Box halt. Keine Experimente, sondern bewährte Konzeption. Sie klingt einfach gut, über den ER4 brauche ich nichts zu sagen, die Mitten sind einfach gigantisch für Stimmabbildung, und der Bass hat mir gezeigt, dass es sich auch lohnt mal den tieferen Tönen zu lauschen, denn auch dort spielt die Musik in zahlreichen Nuancen und Schattierungen. Ein Hochpassfilter ist obsolet, entweder hat sich mein Ohr an die vermeintlich zu "lauten" Bässe gewöhnt, oder ich habe gelernt den Bässen zuzuhören.Wo hört man sie schon so schön wie mit einer Box dieser Klasse? Kurzum: es macht keinen Sinn Fertigboxen zu kaufen, es sei denn, man ist ignorant, hat zuviel Geld, Schmalz in den Ohren oder alles zusammen. In meinen Augen ist Udo ein ganz großer Wurf gelungen, ich denke sie wird ein Klassiker wie die Duetta.
Dirk G.