Es gehört zu den neuen Tugenden der Seas-Ingenieure, alte Konstruktionsprinzipien nicht zu vergessen. So fanden sich früher bei vielen Herstellern Bässe mit großen Magneten und damit einhergehend hohem Wirkungsgrad im Sortiment, die den damals noch schwachen Verstärkern halfen, Live-Atmosphäre im Wohnzimmer zu schaffen. Mehr als 90 dB SPL sind heute fast nur noch bei PA-Herstellern zu finden, deren hauptsächliches Anliegen die Beschallung großer Räume ist. Dummerweise sind diese Chassis so groß, dass sie jeden akzeptablen Rahmen im Wohnzimmer sprengen. Natürlich habe ich es nicht bereut, mit der “Männerbox” eine Herausforderung für den familiären Frieden hergestellt zu haben, jeder Nachbauer erhält für seine Mühe nicht nur beim Bau ein überwältigendes Klangerlebnis. Leichter zu argumentieren hat es da der Freund meiner neuesten Laut-Box, ihr Name Power 220.
Bestückung
Manche nennen es Liebe auf den ersten Blick, soweit würde ich in der Beschreibung meiner Beziehung zu einem Lautsprecher jedoch nie gehen. Und trotzdem war mir schon beim ersten Handkontakt mit dem neuen Seas CA 22 RNY klar, dass ich damit unbedingt eine Box bauen musste. Also vermaß ich das Chassis auf meiner Messwand und aus der Absicht entstand die Idee: Zwei Bässe, ein Hochtonhorn, ein nicht quaderformiges Design und am Ende stand da eine Box der eher seltenen Sorte pegelstark und dennoch Hifi-tauglich.
Nichts Ungewöhnliches schlummert in den Ingredienzien des CA 22 RNY, wenn wir einmal von der Größe und dem Gewicht seines Magneten absehen. Seine handbeschichtete Pappmembran ist uns aus allen neuen Pappchassis bekannt., der Korb aus Druckguss mit seinen grazilen Stegen ebenso. Die hochgelegte Zentrierung gehört heute zum Stand der Technik, die darunter liegenden Öffnungen zur Belüftung, gleichfalls die Polkernbohrung weist fast jedes moderne Chassis auf.. Mit 39 mm Durchmesser ist die Schwingspule für einen 22er Bass nicht ungewöhnlich groß, doch die 12 mm linearer und 20 mm maximaler Hub sind für diese Größe angesichts der 91 dB Schalldruck eher nicht die Regel. Für eine gute Wärmeabfuhr sorgt der Schwingspulenträger aus Aluminium, für hohe Beweglichkeit die Gummisicke.


Neben dem hohen Pegel überraschte mich der späte, dabei fast resonanzlose Roll-off selbst unter großem Winkel. Achtzoll-Bässe für schmerzlose 2kHz Trennfrequenz sind wirklich rar. Ein kleiner Schönheitsfehler steckt natürlich in jedem Lautsprecher, denn seine Konstruktion beruht auf einer Menge an Kompromissen, die alle zusammen das Ergebnis bilden. So finden wir um 800 Hz eine kleine Senke im Frequenzschrieb, die sich, das sei hier schon vorweg gesagt, bei der gewohnten Messung in der Box bei einem Meter Abstand zu einer
Kerbe formte. Bedingt ist das durch die Chassisanordnung und den daraus resultierenden, unterschiedlichen Abstand und damit Winkel zum Mikrofon, der auf diese kurze Entfernung relativ groß ist. Daher habe ich für den relevanten Frequenzbereich auch eine Messung in zwei Meter Abstand gemacht, in der neben den nicht mehr ausblendbaren Raumeinflüssen eine Umkehr der Kerbe zu sehen ist. Den Hinweis auf diese veränderte Wirklichkeit spare ich mir dann bei den Erläuterungen zur Weichenentwicklung.
Aus dem preiswerten PA-Bereich stammt der Druckkammertreiber PA-DE 34, den P.Audio in Thailand fertigt. Die Zahl im Namen verrät uns die Größe der Schwingspule, die mit 34,4 mm korrekt angegeben ist. Sie besteht aus einem Aluminium-Draht, der auf einem Träger aus getränkter Glasfaser gewickelt ist. Als Material für die Membran verwendete man Titan, das leicht, aber auch sehr steif ist. Angetrieben wird das ganze von einem Magnetring aus Strotium-Ferrit. Der Ausgang der Druckkammer hat eine runde Öffnung mit 25 mm Durchmesser, wegen ihr wird der Treiber der Klasse der Einzöller (nicht Einzeller!) zugeordnet. Mit drei Schrauben kann ein Horn an den PA-DE 34 geschraubt werden. Ich suchte mir den qudratischen Druckgusstrichter PH 220 aus, dessen Außenmaß mit 22 x 22 cm gut mit dem identischen Durchmesser der Seas-Bässe korrespondiert. Nun sollte jedem klar sein, wie die Box zu ihrem Namen kam.
Ein wenig fummelig war leider die Verbindung von Treiber und Horn. Die mitgelieferten Schrauben sind mit 10 mm ein wenig zu kurz, um durch die Gummidichtung und den Flansch auch noch mit mehr als zwei Umdrehungen in das Gewinde des Treibers zu gehen. Daher kaufte ich mir für 48 Cent im Bauhaus sechs Sechskantschrauben mit 16 mm, die für sich nun wieder zu lang waren. Mit einer aufgeschraubten Mutter war das Problem schnell gelöst und die Verbindung konnte straff festgezogen werden. Natürlich hätte ich mir auch ein anderes Horn mit dünnerem Flansch aussuchen können, aber mit dem PH 220 gefiel mir der Frequenzgang ausgesprochen gut. Und für kleine Probleme findet sich immer noch eine Lösung!
Datenblätter
| Chassishersteller: | Seas, Norwegen |
| Preis: | 94,50 Euro |
| Artikelnummer: | 1381069 |
Ausstattung:
| Membran: | beschichtete Pappe |
| Sicke: | Gummi |
| Korb: | Aluminium-Druckguss |
| Polkernbohrung: | ja |
| Zentrierung: | hochgelegte Flachspinne |
| magnetische Schirmung: | nein |
| Schwingspule: | 39 mm |
| Träger: | Aluminium |
| Luftspalthöhe: | 6 mm |
| Linearer Hub: | 12 mm |
| Kurzschlussring: | nein |
| Magnetdurchmesser: | 134 mm |
| Befestigungsbohrungen: | 6 |
| Außendurchmesser: | 220 mm |
| Einbauöffnung: | 186 mm |
| Frästiefe: | 4 mm |
| Einbautiefe: | 103 mm |

| Fs | 37,5 | Hz | Mms | 20,3 | Gramm |
| Diameter | 168 | mm | BL | 8,56 | Tm |
| ZMax | 35,8 | Ohm | VAS | 60,7 | Liter |
| Re | 6 | Ohm | dBSPL | 91,2 | dB |
| Rms | 2,46 | kg/s | L1kHz | 1,01 | mH |
| Qms | 1,95 | L10kHz | 0,4 | mH | |
| Qes | 0,39 | SD | 222 | cm² | |
| Qts | 0,33 | MMD | 18,5 | Gramm | |
| Cms | 0,88 | mm/N | Zmin | 6,6 | Ohm |
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Horn PH 220
| Chassishersteller: | P.Audio |
| Preis: | 26,80 Euro |
| Artikelnummer: | 1410386 |
| Befestigungsbohrungen: | 8 |
| Außendurchmesser: | 220 x 220 mm |
| Einbauöffnung: | 180 x 180 mm |
| Einbautiefe | 184 mm |
| Frästiefe: | 12 mm |



| Chassishersteller: | P.Audio |
| Preis: | 42,50 Euro |
| Artikelnummer: | 1410365 |
| Membran: | Titan |
| Schwingspule: | 34,4 mm |
| effektive Membranfläche: | 9,3 cm² |
| Magnet: | Strontium-Ferrit |
| Magnetische Schirmung: | nein |
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Gehäuse
Die Gehäuse errechnete mir wie immer das gute LspCAD, was mir in Minuten das auswarf, wofür ich mit Hilfe des Taschenrechners Stunden gebraucht hätte. Volumen je Bass: 31 Liter, 2 x Reflexrohr HP 70/BR mit voller Länge von 16,5 cm, was auf eine Abstimmfrequenz von knapp 38 Hz herausläuft. Die Bässe packte ich diesmal in getrennte Kammern, die der obere mit dem Horn teilen musste. Deshalb durfte er ein bisschen mehr Luft hinter sich haben, weshalb das Trennbrett nicht genau in der Mitte der Kiste steckt. So werden die Wände nicht in gleich große Flächen unterteilt, die dann selbstverständlich die gleiche Resonanz aufweisen. Die Refelexrohre legte ich auf die Rückseite, das geschah nicht nur deshalb, weil sie vorn keinen Platz hatten. Mittlerweile mein Freund ist das Malprogramm Sketchup, mit dem ich die Box erst einmal theoretisch zusammenbaute, wobei mir schnell Fehler in meinen Vorüberlegungen auffielen. So war es für den Zuschnitt günstiger, die Seitenteile durchgängig und Deckel, Boden und Teiler innenliegend zu bauen. Danach war der praktische Teil des Klebens nur noch ein Klacks. Trotzdem gibt es davon in guter, alter Manier wieder ein paar Bilder

Sinnvolles Werkzeug beim Bau von Lautsprechern ist neben der Oberfräse und dem Bandschleifer auch eine Handkreissäge. Für die habe ich mittels einer Aluminiumschiene, die in ihrem wirklichen Leben eine Gardinenleiste hätte werden sollen, einen Anschlag gebastelt. Zwei alte Schraubzwingen konnte ich mir so zurechtschleifen, dass sie in der Gardinenrollen-Führung leicht zu verschieben sind. Den trapezförmigen Deckel und die um 10 Grad geneigten Seiten, Fronten und Rückwände habe ich dann selbst zuschneiden können, Baumärkte machen solche Schnitte nicht.

Für eine genaue Kopie des Deckel benutzte ich die Oberfräse mit Bündigfräser, ohne den Boxenbau für mich nicht vorstellbar ist. Der gesägte Deckel liegt dabei unter dem grob zugeschnittenen Teil, das später wie ein eineiiger Zwilling aussehen soll, Klemmzwingen halten die Bretter fest zusammen. Die Fräse wird nun auf den Fotografen zugeführt, damit die Anlaufrolle sich gegen die Führung pressen kann und so die untere Linie exakt kopiert.


Sieben Bretter braucht die Box, keins ist gerade. Front und Rückwand haben sind trapezförmig, die Seiten als Parallelogramm geschnitten. Decken und Boden werden als erste bündig auf die Front geklebt, der Platz für den Teiler markierte ich mir mit zwei Bleistiftstrichen. Auf den Boden habe ich jetzt schon ein vorsorgliches “u” gemalt. Der Rest geht wortlos.





Nachdem sich Bandschleifer und Oberfräse ausgetobt hatten, sahen die Boxen dann so aus. Mit einer seitlichen Rundung wirkten sie weniger kantig.
Bauplan

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Einen Lautsprecher wie Power 220 nicht mit einer Impedanzkorrektur zu versehen, ist eine schändliche Tat. Was könnte besser zu ihrem für Hifi-Boxen ungewöhnlich hohen Wirkungsgrad von 94 dB passen als eine edle, kleine Röhre, die andernfalls mit ehemals amerikanischen Hornlautsprechern ihr Dasein teilen müsste? So sollte es auch diesmal nicht an den drei Bauteilen scheitern, die parallel zum Terminal die mit fast 50 Ohm nicht gerade niedrige Impedanzspitze bei 3,8 kHz zwischen 500 und 5000 Hz auf Werte von 4 bis 8 Ohm herunter nehmen. Der Saugkreis aus 22µF Elko glatt, 0,22 mH Luftspule mit 0,71er Draht und 4,7 Ohm Mox 10 Watt schadet natürlich auch keinem Transistor, daher darf sie auf der Weichenplatine gleich mit aufgelötet werden.
Boxen planen und bauen, ebenfalls das Weichen entwickeln ist der nötiges Teil des Entwurfs, der einfachere, aber anfangs sicher aufregendere ist das erste Hören des messtechnisch für gut befundenen Ensembles. Uns so versammelte ich mich wieder einmal in meinem Hörraum, stellte meine Probanden auf einen freien Quadratmeter und richtete sie eingedenk des gleichmäßigen Bündelns zu hohen Frequenzen direkt auf meinen Hörplatz aus. Unverändert lieferte mir der Destiny KT 88 die Signalverstärkung, deren Quelle aus gegebenem Anlass diesmal jedoch mein recht alter Thorens Plattenspieler war.
| Chassis | Seas CA 22 RNY |
| P.Audio PA-DE34 mit Horn PH 220 | |
| Vertrieb | Intertechnik, Kerpen |
| Konstruktion | Udo Wohlgemuth |
| Funktionsprinzip | Bassreflex |
| Nennimpedanz | 4 Ohm |
| Dämmstoff | 6 Beutel Sonofil |
| Reflexrohr | 2 x BR/HP 70 |
| Terminal | T 105 MSAU |
| Kosten pro Box: | |
| Bausatz ohne Holz | 325 Euro |
| Holzzuschnitt in 22 mm MDF | 35 Euro |
| Gesamtkosten | 360 Euro |
Holzliste in 22 mm MDF:
114,4 x 29,4 (2x) Front
114,4 x 18,0 (2x) Rückwand
114,4 x 30,5 (4x) Seiten
30,0 x 24,2 (6x) Deckel/ Boden/ Zwischenbrett

Ist die Box auch Klassiktauglich, bringt der Aufbau der Weiche mit besseren Bauteilen Gewinn? Vielen Dank für die Beantwortung-Günter!
Hallo Günter, warum glaubst du, dass ich schlechte Bauteile in der Weiche benutzt habe? Teurere haben wir auch im Sortiment. Es hätte mich niemand geschlagen, wenn ich sie verwendet hätte. Statt ihrer habe ich aberlieber die an diesen Stellen richtigen genommen. Mit einem warm klingenden Röhrenamp ist die Power 220 auch klassiktauglich. Mit einem Transistor-Verstärker würde ich für Klassik allerdings die MS 4 TL vorziehen. Gruß Udo
Hallo Udo, wäre eine liegende Power 220 in D'Appolito Anordnung als Center denkbar?
Grüße Mario
Hallo Mario,
wenn du den unteren Bass nach oben nimmst und die Box um 90 Grad drehst, geht das. Du darfst auch die Form verändern, wenn du das Volumen und die Reflexabstimung beibehältst.
Gruß Udo
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