Mystery Center
Beitrag von Udo WohlgemuthEigentlich ist Heimkino nicht so mein Ding. Beengter Raum, zu kleiner Fernseher und nachbarschaftsgerechte Lautstärke verderben schnell den Spaß, der im richtigem Lichtspielhaus aufkommt, wenn die Effekte nur so um die armen Ohren knallen. Auf Live-Konzerte von herumhüpfende Zwergen mit viel zu kleinen Instrumenten auf regalfreundlichen Böxlein mit bollernder Subwoofer-Unterstützung verzichte ich gern, denn Mitmachstimmung kann da nicht über den Zuhörer hereinbrechen. So dachte sicher auch Dino, dessen kleine Partyscheune schon im Juli für die Präsentation der Mystery-PA herhalten musste. Er hatte ja mit zwei 15-Zöllern, acht 12ern und vier Hochtonhörneren schon 80 % einer imposanten Kinobeschallung auf seinen 60 m² versammelt, es fehlte nur noch der Center und das schon 1932 von Aldous Huxley in seinem Roman “Brave new World” beschriebene Fühlkino könnte endlich dem Reich der Fiktion entfliehen.

Bestückung
Aus verständlichen Gründen sollten in einem Heimkino alle Lautsprecher einen recht ähnlichen Klang haben, was man am einfachsten erreicht, wenn man alle Boxen gleich bestückt. So empfahl ich natürlich, eine weitere Mystery-PA unter die Leinwand zu legen und alle könnten glücklich sein. Doch Dino wollte aus dem Center auch noch den tieferen Bass wahrnehmen können und zudem gab er sich mit nur einem Center nicht zufrieden, er wollte zwei. Verstehen konnte ich ihn gut, denn warum sollte der Mittenlautsprecher, der die meiste Arbeit verrichten muss, nicht auch die größte Membranfläche haben. So konzipierten wir ein Boxenpaar aus den schon aus der Juli-Ausgabe bekannten P.Audio-Chassis. Die erneute Beschreibung der Lautsprecher spare ich mir, hänge jedoch die neu gemessenen Diagramme an, damit sich der interessierte Leser die Unterschiede im Abstrahlverhalten durch die andere Verteilung der Chassis auf der Frontwand in Ruhe betrachten kann.
Datenblätter
Die Messungen der Chassis erfolgten in den Center-Gehäusen. Dabei wurde die Position des Miokrofons in Höhe des Hochtöners nicht verändert.

Hersteller: P.Audio
Vertrieb: Intertechnik, Kerpen
Preis: 29 Euro
Ausstattung
Membran: Phenol
Sicke: Phenol
Korb: Kunststoff
Polkernbohrung: nein
magnetische Schirmung: nein
Magnetmaterial: Ferrit
Schwingspule: 25 mm
Polplattendicke:
Linearer Hub:
Bewegte Masse: k.A.
HP 12 W

Hersteller: P.Audio
Vertrieb Intertechnik, Kerpen
Preis: 41 Euro
Ausstattung
Membran: Pappe
Sicke: Leinen
Korb: Blech
Polkernbohrung: nein
Zentrierung: Topfspinne
magnetische Schirmung: nein
Schwingspule: 50 mm/ 12 mm
Träger: Aluminium
Polplattendicke: 8 mm
Linearer Hub: 4 mm
Magnetdurchmesser: 120 mm
Befestigungsbohrungen: 8
Außendurchmesser: 310 mm
Einbauöffnung: 280 mm
Frästiefe: 6 mm
Einbautiefe: 139 mm
Parameter
Fs 49,8 Hz
Diameter 254 mm
Re 6.5 Ohm
Rms 3,64 kg/s
Qms 3,68
Qes 0.85
Qts 0.69
Cms 0.24 mm/N
Mms 42,9 Gramm
BL 10,1 Tm
VAS 85,3 Liter
dBSPL 92,9 dB
L 1kHz 1,36 mH
L 10kHz 0.46 mH
SD 507 cm²
MMD 41,4 Gramm
Z Min 7,22 Ohm
HP 15 W

Hersteller: Peerless
Vertrieb Intertechnik, Kerpen
Preis: 57 Euro
Ausstattung
Membran: Pappe
Sicke: Leinen
Korb: Blech
Polkernbohrung: nein
Zentrierung: Topfspinne
magnetische Schirmung: nein
Schwingspule: 50 mm/ 16 mm
Träger: Aluminium
Polplattendicke: 7 mm
Linearer Hub: 9 mm
Magnetdurchmesser: 156 mm
Befestigungsbohrungen: 8
Außendurchmesser: 390 mm
Einbauöffnung: 360 mm
Frästiefe: 6 mm
Einbautiefe: 153 mm
Parameter
Fs 36,9 Hz
Diameter 338 mm
Re 6.3 Ohm
Rms 5,1 kg/s
Qms 4,29
Qes 0.71
Qts 0.61
Cms 0.20 mm/N
Mms 94,3 Gramm
BL 14,0 Tm
VAS 221,4 Liter
dBSPL 94 dB
L 1kHz 1,70 mH
L 10kHz 0,5 mH
SD 897 cm²
MMD 79,1 Gramm
Z Min 6,80 Ohm
Gehäuse
Als vorsichtiger Mensch habe ich es mir nicht so leicht gemacht, wie es auf den ersten Blick erscheint. Natürlich habe ich für die verwendeten Treiber genau so gewissenhaft die Parameter ermittelt, immerhin hatte man bei Intertechnik auf Grund der immensen Nachfrage alle Chassis der letzten Serie verkauft und neue Ware auf Lager legen müssen. So konnte ich in einem Aufwasch auch die Serienstreuung bei P.Audio überprüfen, die selbst für die wirklich preisgünstige HP-Reihe ungewöhnlich gering ausfiel.
LspCAD spuckte wieder die gleichen 500-Liter-Kästen für die HP 15 W aus, die ich nach den guten Erfahrungen mit dem Mystery-Sub auf die gleichen 140 Liter reduzierte. Auch die beiden Reihenhaus großen Kammern für den HP 12 W waren sicher nicht angebracht, die willkürliche Reduzierung auf 36 Liter nahm das zum Mitteltöner degradierte Chassis kaum wahr. Das gemeinsame Zimmer für Mittel- und Hochtöner musste wegen deren Bauhöhe innen mindestens 46,9 cm hoch werden. Damit errechnete sich seine Tiefe aus der vom Bass vorgegebenen Innenbreite von 43,2 cm auf 18,1 cm. Der HP 15 W verlangte die gleiche Reflexabstimmung wie beim Mystery-Sub mit 3,5 cm Auslassfläche über die gesamte Frontbreite und 21,9 cm Tiefe. Durch die drei Innenbretter konnte ich weitgehend auf Versteifungen verzichten, lediglich ein 12 x 43,2 cm breites Brett habe ich hochkant zwischen die Seiten auf die Rückwand hinter den Bass geleimt. Hierauf findet die Weiche ihren Platz, weitab von störenden Magnetfeldern oder Spulen verändernden Metallteilen. Sonofil habe ich nur dem HP 12 W gegönnt, dessen Kammer zwei Beutel davon verschlingen.
Der Aufbau des Gehäuses ist kaum der Rede wert. Auf die erste Seitenplatte wird der Reihe nach der Deckel, die Front, die hintere Mitteltonkammerwand, die untere Mitteltonkammerwand, die Rückwand, der Boden, die Versteifung und das Reflexbrett geklebt. Die zweite Seitenplatte schließt die Box. Bündiges Einlassen der Chassis ist nicht notwendig, aber einen Schutz der Lautsprecher durch Schutzgitter und des Gehäuses durch Schutzecken empfehle ich sehr. Man weiß ja nie, wen das Tanzbein beim Konzert vom Sofa schmeißt.

Weiche
Obwohl ich die gleichen Chassis wie bei der Mystery-Pa und davon gar nicht so weit entfernte Schallwandbreiten für den Center nutze, profitierte ich von der vorhergehenden Weichenentwicklung an keiner Stelle. Allein die unterschiedliche Anordnung der Chassis führte in Hochtönerhöhe zu völlig neuen Kurven, die sich an dieser Stelle jedoch wieder zu einem ähnlichen Schallverlauf addieren mussten.
Als ersten nahm ich mir den Bass (grün) vor, der sich klassisch bei 300 Hz ausblenden sollte. Nur mit einer 8,2 mH-Spule war das natürlich nicht zu erreichen (rot), doch mit einem zusätzlichen, parallelen Elko glatt mit 100 µF erreichte ich mein Ziel, wobei ich sogar noch einen kleinen Pegelgewinn bis 200 Hz mitnehmen konnte.
Der HP 12 W (grün) fiel in seinem kleinen Gehäuse unterhalb von 100 Hz freiwillig steil ab, buckelte aber durch die eigentlich für ihn viel zu kleine Kammer nicht wie befürchtet vorher auf. So begnügt er sich mit einem glatten 33 µF-Elko, um ab 400 Hz ausreichend Schalldruck zu verlieren. (rot). Wegen seiner großen Membran macht er sich nichts aus den Abmessungen der Schallwand. Bevor sie durch Reflexionen den Frequenzgang anheben kann, bündelt der 12er schon so stark, dass er die Front kaum sieht. Oberhalb von 3 kHz strahlt der Mitteltöner nur noch wenig Energie in den Hörraum, daher ist er auch bei der oberen Trennung mit einem 6 dB-Filter einverstanden (blau).
Das Hochtonhorn (lila) bekam zuerst einen Spannungsteiler verpasst, der den Pegel um 7 dB absenkte (rot). Mit 2,2 µF bekam ich die Überhöhung zwischen 1,5 und 8 kHz gut in den Griff (grün), aber erst die 0,27 mH-Spule ließ die Amplitude wie gewünscht aussehen.
Die Addition der Zweige gelang erst, als ich die Polarität des Mitteltöners drehte, der so bis unter 100 Hz den Bass unterstützt. Der Übernahmebereich an der oberen Trennfrequenz ist sehr schmalbandig, obwohl die Filterflanken elektrisch nicht gerade steil gewählt wurden. Die Addition ergibt hier wohl keinen Pegelzuwachs von 6 dB, aber da die Zweigkurven links und rechts stets unter der Summe liegen, habe ich wohl keinen groben Fehler in der Weiche gemacht
Der Vergleich der Amplituden der PA und des Centers zeigen abgesehen von der größeren Lautstärke der Doppelzwölfer eine hervorragende Übereinstimmung. Zwar ist die Kerbe bei 1800 Hz bei der D’Appolito-Konstruktion nur andeutungsweise vorhanden, aber sie ist so schmal, dass sie in Unhörbarkeit versinkt. Einen Teil des geringeren Schalldrucks gleicht der Center durch seine doppelte Anwesenheit wieder aus.

Messwerte
Mit seinem mittleren Schalldruck von 93 dB kann unser Mystery-Center schon guten Gewissens als PA-tauglich eingestuft werden, doch anders als bei den meisten Mitbewerbern verläuft seine Frequenzgangkurve ohne wesentliche Auffälligkeiten. Mit dem -3dB-Punkt knapp unter 50 Hz habe ich Dinos Forderung nach eigener Bassfähigkeit des Centers locker erfüllt.
Mit 4,6 Ohm liegt das Impedanzminimum bei 95 Hz, da die Boxen jedoch an einer Stereoendstufe betrieben werden, ergibt sich hieraus kein kritischer Wert, der bei Parallelschaltung allerdings den Verstärker sicherlich ordentlich erwärmen würde.
Sehr moderat zeigt sich der Klirr mit Werten unter der 1%-Marke oberhalb von 200 Hz. Erst im Bass nimmt K2 auf 3% zu, was bei den gemessenen 100 dB weit unter den Klirrwerten der Möbel liegt. Mit voller Absicht habe ich wie schon bei den PA unter größer werdendem Winkel eine starke Absenkung im mittleren Stimmbereich eingebaut. So kan man außerhalb der beschallten Fläche noch mit dem Gastgeber über das nächste Bier sprechen, ohne ihn gleich unverschämt anschreien zu müssen.
Klang
Wer jetzt denkt, dass ich mir für die Klangbeschreibung eine Partyscheune oder wenigstens einen Kinosaal nachgebaut hätte, liegt nicht ganz richtig. Allein der Umstand, dass ich in einer alten Zechensiedlung wohne, in der man den Nachbarn noch kennt, verhindert, dass neben einem ungepflegten Vorgarten auch noch ruhestörender Krach aus meiner Richtung geduldet wird. Daher blieb mir nur eine Hörprobe unter “normalen” Bedingungen. Wie gut die Boxen mit ihren Mitspielern harmonieren, zeigte ja schon das Diagramm auf der Weichenseite. Wirklich sorgen muss ich mich daher nicht um die Klangeintracht im Kinobetrieb und an dieser Stelle seitenweise Lobeshymnen auf mein Werk zu singen, liegt mir nicht. So habe ich jetzt endlich die passende Gelegenheit, den eigentlich nur zur Hälfte richtigen Namen der Boxen gerade zu rücken. Wenn die Scheune ihrem im Namen enthaltenen Bestimmungszweck zugeführt wird, stören zwei hochkant stehende Kühltruhen inmitten der Tanzfläche manchmal schon ein wenig. Da das Sauerland zum Glück draußen recht viel Platz bereit hält, sollen die Center bei solchen Gelegenheiten fortan die Außenbeschallung übernehmen.
Also fuhr ich zum Test keinen Jazz, keine Klassik und erst recht keine Entspannungsmusik auf. Lass krachen, war die Devise und die üblichen Verdächtigen, die nur darauf getrimmt sind, Stimmung zu verbreiten und wirklich keine Feier auszulassen, durften sich auf den Boxen versuchen. Druckvolle Bässe, kraftvolle Stimmen und saubere Hochtonauflösung ohne nerviges Zischeln ließen mich den Pegelsteller dann doch ein wenig mehr aufdrehen. Die Boxen dankten es mit noch mehr Dynamik und wirkten selbst bei äußerst gehörschädigender Lautstärke nicht angestrengt.
Angesichts der großen Menge an schallabstrahlender Fläche, die jetzt schon in der Partyscheune auf die nicht gerade kleinen Kameraden wartet, bin ich letzten Endes doch recht froh, dass Dinos Wohnort fast 50 Kilometer von meiner Zechensiedlung entfernt liegt, So weit wird es hoffentlich nicht tönen, wenn dort der Dinosaurier durch die Berge stapft.
Udo Wohlgemuth
Technik
Chassis: PHT 411
HP 12 W
HP 15 W
Hersteller: P.Audio
Vertrieb: Intertechnik, Kerpen
Konstruktion: Udo Wohlgemuth
Funktionsprinzip: Bassreflex
Nennimpedanz: 6 Ohm
Terminal: T 105
Schutzecken: 8 x SEK 50
Gitter: SGG 300/ SGG 380
Befestigung: 2 x BK 43
Dämmstoff: 1 Beutel Sonofil
Holzliste in 19 mm MDF
mit 2 mm Leimzugabe:
104,0 x 41,0 (4x ) Seiten
43,2 x 41,0 (4x) Deckel/ Boden
43,2 x 100,0 (2x) Rückwand
43,2 x 96,5 (2x) Front
43,2 x 46,9 (2x) Rückwand MT-Kammer
43,2 x 20,0 (6x) Boden MT-Kammer/ Reflex/ Versteifung
Kosten pro Box
Bausatz ohne Holz 190 Euro
Holzzuschnitt in 19 mm MDF ca, 40 Euro
Gesamtkosten: ca, 230 Euro
Leserbeiträge zu diesem Artikel
Dieser Bausatz wurde bereits von Lesern nachgebaut. Klicken Sie auf die Links in der Liste um die entsprechenden Leserberichte aufzurufen .Stephans Mystery-Center 25. May 2011, Beitrag von Stephan






























